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Energiewoche 28/2026

Flexibilität als Hebel für (noch) mehr volkswirtschaftliche Vorteile der Energiewende

58 Prozent des Stromverbrauchs: Diese Marke haben die erneuerbaren Energien erstmals in einem Halbjahr überschritten. Das zeigen die jüngsten Auswertungen von ZSW und BDEW. Die jüngste fossile Energiekrise macht einen wichtigen Effekt der Energiewende deutlich: Während der Erdgaspreis in der Folge des Irankriegs um knapp die Hälfte zulegte, ist der durchschnittliche Börsenstrompreis deutlich unter dem Niveau geblieben, das bei einer stärkeren Preisbildung durch Gaskraftwerke zu erwarten gewesen wäre.

Die positiven volkswirtschaftlichen Wirkungen der Abkehr von fossiler Energieerzeugung werden bei Debatten über die „Kosten der Energiewende“ oft ausgeblendet. Eine Kurzstudie des Fraunhofer IEE kommt zu dem Ergebnis, dass der Erneuerbaren-Ausbau der vergangenen Jahre – trotz des gravierenden Mangels an Flexibilität im System – zu Netto-Einsparungen gegenüber einer Situation ohne diesen Zubau geführt hat.

Mehr Flexibilität hätte Kosten des Stromsystems deutlich verringert

Was wäre, wenn dem System nun deutlich mehr Flexibilität zugeführt würde? Die Antwort überrascht kaum: Der positive Effekt wäre deutlich größer. Die Fraunhofer IEE-Analyse, deren Besprechung das Titelthema von ContextCrew Neue Energie 28.2026 ist, beziffert den Effekt. Demnach hätten 20 GW Speicherleistung mit 80 GWh Kapazität in den vergangenen 18 Monaten Einsparungen in Höhe von 5,6 Mrd. Euro ermöglicht. Faktoren sind dabei höhere Marktwerte erneuerbarer Energien, geringere EEG-Förderkosten, gedämpfte Spotmarktpreise und ein günstigerer Stromkosten-Saldo im europäischen Handel.

In einer digitalen Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der Studie machten die Autoren der Studie deutlich, dass Großbatteriespeicher eine besonders wichtige, aber nicht die einzige Flexibilität darstellen. Aus Marktsicht könnten auch andere Flexibilitätsoptionen vergleichbare Funktionen erfüllen, heißt es in der Studie. Dazu zählten flexible Verbraucher, industrielle Lastverschiebung, Elektromobilität, Wärmepumpen, Elektrodenkessel, Wasserstoffelektrolyseure, die systemdienliche Nutzung dezentraler Batteriespeicher sowie Erzeugungsflexibilitäten wie die Überbauung von Bioenergieleistung. „Entscheidend ist nicht die einzelne Technologie, sondern die Fähigkeit, Stromangebot und Stromnachfrage zeitlich besser zusammenzubringen.“

Mehr als 35.000 neue Jobs im Energiewende-Sektor: Ein Erfolg, aber kein Selbstläufer

Ein anderer wichtiger volkswirtschaftlicher Effekt ist die Beschäftigungssituation in der Branche. Eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass in einem gesamtwirtschaftlich stagnierenden Umfeld im Zuge der Transformation am Energiemarkt mehr als 35.000 neue Stellen entstanden sind. Ein Selbstläufer ist die Wachstumsdynamik allerdings nicht, wie die Erfahrungen insbesondere seit Anfang der 2010er Jahre eindrücklich deutlich machen. Die Kernempfehlung der Autoren der Analyse: Die Bundesregierung sollte verhindern, dass sie mit ihren aktuellen Gesetzesvorhaben eine Investitionszurückhaltung auslöst.

Aus der Geschichte der erneuerbaren Energien folge eine klare Warnung: „Verlorene inländische Wertschöpfung, geschlossene Betriebe und abgewanderte Fachkräfte lassen sich nicht schnell zurückholen, wenn der Ausbau später wieder beschleunigt werden soll. Energiepolitik ist deshalb immer auch Arbeitsmarkt- und Industriepolitik.“