An mangelndem Interesse leiden Struktur und Gestaltung der Energieversorgung in Deutschland wahrlich nicht. Das wurde auf der Branchenleitmesse E-World vergangene Woche in Essen mehr als deutlich: Mit über 37.000 Fachbesuchern und 1.136 Ausstellern wurden neue Rekordmarken aufgestellt. Die Transformation des Energiesystems ist in vollem Gange, erneuerbare Energien und Speicher geben den Takt vor, die Sektorkopplung gewinnt an Fahrt. Doch gerade jetzt wächst die Sorge, dass die Dynamik des Umbaus massiv leiden könnte. Der Entwurf eines Netzpakets sorgt für große Unruhe.
Der Entwurf des vom Bundeswirtschaftsministeriums erarbeiteten Netzpakets adressiert die wachsenden Reibungskosten, die dadurch entstehen, dass der Ausbau der Netze nicht mit dem stark dynamisierten Ausbau der regenerativen Energien mithält. Dass Redispatchkosten nicht produktiv sind und ihr aktuelles Niveau volkswirtschaftlich nicht effizient, bestreitet kaum jemand. Was auf der E-World aber klar wurde, ist, dass die Einschnitte, die das Netzpaket vorsieht, grundlegender sind, den Einspeisevorrang der Erneuerbaren einschränken und die Dynamik des Ausbaus erheblich beschneiden könnten.
Die Perspektive auf das Netzpaket aus Sicht der Erneuerbare-Energien-Branche haben wir auf dem Titel von Ausgabe 8.2026 von ContextCrew Neue Energie anhand von Diskussionen auf der E-World nachgezeichnet. Der Referentenwurf eines „Gesetzes zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts zur Synchronisierung des Anlagenzubaus mit dem Netzausbau sowie zur Verbesserung des Netzanschlussverfahrens“ umfasst 34 Seiten und soll den geltenden Rechtsrahmen zu Netzanschlussverfahren „grundlegend reformieren“. Mit der Einführung eines „Redispatchvorbehalts“ werde für die Verteilernetzbetreiber das Problem des Netzanschlusses an „vollen Netzen“ „besser beherrschbar gemacht“, indem besonders belastete Netzgebiete als „kapazitätslimitiert“ ausgewiesen werden können und im Falle von Abregelungen im Redispatch an den entsprechenden Standorten für Neuanschlüsse von EE keine Entschädigung mehr zu zahlen ist.
Kritik an Netzpaket: „Bessere Synchronisierung der Energiewende darf nicht darin bestehen, alles gleich langsam zu machen“
Einiges von dem, was im Entwurf in den Raum gestellt wird, kann als konstruktiver Ansatz zur Verbesserung der aktuellen Situation gesehen werden. Aber: Positive Aspekte, wie etwa die Verpflichtung zu digitalen Netzanschlussprozessen und verbesserte Informationspflichten stehen „in keinem Verhältnis zur Bremswirkung, die das Paket für die Energiewende entfalten kann“, fasst Tim Loppe, Leiter Medien & Politik bei der naturstrom AG, die Branchenkritik zusammen. Die Hauptsorge: Die weitreichende Definition der „kapazitätslimitierten“ Netze in Verbindung mit dem Verzicht auf Vergütungszahlungen „kann jede vernünftige Projektkalkulation über den Haufen werfen“. Und der Vergütungsverzicht steht nicht alleine da: Ebenfalls geplante Baukostenzuschüsse sind zwar besser kalkulierbar, sie wirken aber ebenfalls negativ auf die Kalkulation, so dass weitere Projekte verworfen werden dürften.
Eine erweiterte Perspektive bietet ein weiterer Bericht, der Reaktionen jenseits der EE-Branche einfließen lässt. Dabei zeigt sich, dass es im Entwurf durchaus eine Reihe von Ansatzpunkten für die Synchronisation von Netz- und EE-Ausbau gibt, die auf breitere Zustimmung stoßen. Aus Sicht des Energieexperten Tim Meyer steckt dennoch ein Fehler im grundlegenden Ansatz des Ministeriums: „die bessere Synchronisierung der Energiewende darf nicht darin bestehen, alles gleich langsam zu machen.“
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