Die neue Bundesregierung kommt allmählich ins legislative Handeln – und es zeichnet sich ab, dass viele Stakeholder im Bereich der Erneuerbaren-Branche mehr Widerstände in der neuen Konstellation überwinden müssen, als sie es unter der Ampel-Regierung kannten. Insbesondere Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) macht deutlich, dass sie den Fokus auf den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien, wie er unter ihrem Vorgänger Robert Habeck gelegt wurde, ändern will.
Der Zubau der Erneuerbaren müsse sich am Netz orientieren „und nicht mehr umgekehrt“, sagte Reiche vergangene Woche beim Tag der Industrie. Mehr noch als die Vorhaltung, die Erneuerbaren-Branche könne „nicht nur profitieren zu Lasten von Industrie und Verbrauchern“, irritiert der starke Fokus auf Gaskraftwerken. Im Kern dürften Gaskraftwerke beim weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien und insbesondere komplementärer Flexibilitäten tendenziell die Rolle eines doppelten Boden im Energieversorgungssystem einnehmen – und in längeren Phasen der so genannten Dunkelflaute eine Rolle spielen. Eins sind sie sicherlich nicht: eine Technologie, die zur strukturellen Senkung von Energie- und Strompreisen beiträgt – schon gar nicht, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst nimmt – und zu den Klimaschutzzielen hat sich die neue Regierung im Koalitionsvertrag unmissverständlich bekannt. Die Kosten für fossile CO2-Emissionen, die über den Emissionshandel eingepreist werden, müssen deutlich steigen.
„Wenn wir auf dem Gaspfad sind, dann braucht es das Thema CCS“
„Wenn wir auf dem Gaspfad sind, dann braucht es das Thema CCS, um Klimaneutralität voranzubringen“, sagte Reiche beim Tag der Industrie. CCS ist allerdings eine Technologie, für die noch die gesamte regulatorische, aber auch technisch-wirtschaftliche Infrastruktur fehlt. Zum Thema Flexibilitäten – wie Batteriespeichern, Demand-Side-Management, Smart Energy, Vehicle-to-Grid oder steuerbare Bioenergie – äußerte sich die Ministerin bislang eher wenig. Und gerade hier liegen Technologien – wie Großbatteriespeicher – die förderfrei an den Markt gebracht werden können und das Potenzial besitzen, Systemkosten zu verringern.
- (Juni 2025) „Flexibilitäts-Check“: 15,6 TWh Verbrauch könnten schon jetzt durch E-Autos & Co. verschoben werden: In Deutschland ließen sich im Jahr 2025 durch Wärmepumpen, E-Autos, Heimspeicher und Haushaltsgeräte potenziell bis zu 15,6 TWh Stromverbrauch verschieben – das entspricht rund einem Drittel der öffentlichen Stromerzeugung aus Gas-Kraftwerken im Jahr 2024. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsam Analyse von FfE und E.ON. „Unsere Prognose zeigt: Bis 2030 wächst das jährliche Flexibilitäts-Potenzial auf bis zu 30,9 TWh an. Das ist nicht nur eine riesige Chance für unser Energiesystem, sondern auch für alle Verbraucherinnen und Verbraucher“, sagt Filip Thon, CEO der E.ON Energie Deutschland.
- (Mai 2025) Flexibilitäten aus E-Autos und Wärmepumpen können Zahl der Negativpreisstunden deutlich senken: Wärmepumpen und Elektroautos können einer neuen enervis-Studie im Auftrag von Greenplanet Energy zufolge erheblich dazu beitragen, Ökostrom besser zu nutzen. Konkret zeigt die Studie, dass sich die Anzahl der Stunden mit negativen Strompreisen deutlich verringert – im Durchschnitt um 110 Stunden pro Jahr. Das wiederum macht Wind- und Solaranlagen rentabler, der Umfang der Abschaltungen wird um 6 TWh pro Jahr reduziert und auch der Einsatz teurer, klimaschädlicher Erdgaskraftwerke sinkt. „Bis 2035 werden dadurch insgesamt 8 Millionen Tonnen CO2 eingespart – das entspricht den jährlichen CO2-Emissionen von zwei Braunkohlekraftwerken“, heißt es. Nicht zuletzt sorge der optimierte Betrieb der Wärmepumpen und E-Autos dafür, dass Strom günstiger wird: Der durchschnittliche Börsenstrompreis sinkt um 3,6 €/MWh.
- (März 2025) Effiziente Energiewende: Elektrifizierung, Flexibilitäten und Lösung für Dunkelflauten: Mehr Flexibilität im Stromsystem ist dem Ariadne-Report „Die Energiewende kosteneffizient gestalten“ zufolge eine wichtige Voraussetzung für mehr erneuerbare Stromerzeugung. „Ein Großteil der Flexibilität (insbesondere über Zeiträume von Tagen und Wochen) wird durch Stromspeicher (vor allem stationäre Batteriespeicher, aber auch Pumpspeicherkraftwerke), das Laden batterieelektrischer Fahrzeuge und den Stromhandel mit europäischen Nachbarländern bereitgestellt“, heißt es. Die Entladekapazität von Stromspeichern steigt der Projektion zufolge auf 50 GW bei 435 GWh Speicherkapazität im Jahr 2045. Flexible Nachfrage von Wärmepumpen und in der Industrie könnten ebenfalls einen kleinen Beitrag zur flexiblen Nachfrage leisten.
Eine Vielzahl weiterer Studien und Analysen zum Thema Flexibilitäten finden sich im Link-Kompass Flexibilitäten, eine strukturiert Übersicht zum aktuellen Informationsstand in Sachen Flexibilitäten bietet die ContextCrew-Portalseite Flexibilitäten.
Reiche hat nach Gesprächen in Brüssel inzwischen erkannt, dass die im Koalitionsvertrag angesprochenen 20 GW an Gaskraftwerken mit der EU-Kommission nicht ohne Weiteres umsetzbar sind. Die Kommission hat derweil den Beihilferahmen zum Clean Industrial Deal (CISAF) verabschiedet. Was die Kommission vorhat – und wie die Branchenverbände das Rahmenwerk bewerten, haben wir im Titelbereich von Ausgabe 27.2025 von ContextCrew Neue Energie aufbereitet (⇒ Einstiegsangebot für B2B-Neukunden).
Bioenergiebranche empfiehlt Strommengenmodell für EEG-Förderung
Mit Ernüchterung hat jüngst die Biokraftstoffbranche auf den Entwurf zur Weiterentwicklung der THG-Quote reagiert. Die Initiative Klimabetrug Stoppen (IKS) sieht in ihrer Bewertung nun aber durchaus auch Positives. „Die Einführung von Vor-Ort-Kontrollen ist ein hart erkämpfter Sieg für Transparenz und die Integrität des THG-Quotenhandels“, sagt Stefan Schreiber, Sprecher der Initiative. „Jetzt kommt es auf die konkrete Ausgestaltung dieses Instrumentes an. Betrügern muss konsequent das Handwerk gelegt werden, um das Vertrauen in unsere Klimaschutzinstrumente zu stärken.“
Konstruktive Gestaltungsvorschläge für EEG-Anpassungen im Bereich Bioenergie kommen vom Hauptstadtstudio Bioenergie. Das Empfehlungspapier beinhaltet eine Reihe von Vorschlägen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Biomasseausschreibungen. Mit der Idee eines Strommengenmodells stellen die Verbände zudem erstmals eine neue Vergütungssystematik für den flexiblen Einsatz von Biogas und Biomethan vor.
- Beihilferahmen CISAF: Sorge um PPA und Kritik an fehlendem Erneuerbaren-Fokus
- Europas Biomethan-Ausbau verliert an Dynamik – Branche fordert Unterstützung
- Erneuerbare Energien: Reiche will auf die Bremse treten
- Im Blickpunkt: Großbatteriespeicher für die Energiewende
- Dynamscher Arbeitspreis als Second-Best-Lösung für Netzdienlichkeit von Großbatteriespeichern