Auf die Ergebnisse des Monitorings zur Energiewende durch das Bundeswirtschaftsministerium muss weiter gewartet werden, die Lücke hat aber der Versorgungssicherheitsbericht der Bundesnetzagentur vollumfänglich gefüllt. Das Papier betont die wichtige Rolle des Ausbaus der Erneuerbaren und der Flexibilitäten und macht deutlich, dass ein reduziertes Tempo der Transformation in Sachen Versorgungssicherheit ein Problem darstellt. Zugleich bietet die Analyse Raum für die Frage, welche „steuerbaren Kapazitäten“ die BNetzA als notwendig erachtet. Gaskraftwerke gehören sicher dazu, Biomasseanlagen offenbar eher nicht. Und bei Großbatteriespeichern ist die Modellierung der Netzbehörde nicht mit der realen Entwicklung mitgekommen.
Der Titelbereich der Ausgabe 37.2025 von ContextCrew Neue Energie ist der Analyse des Versorgungssicherheitsbericht gewidmet. Die Schlüsselaussage des Berichts lautet: „Die Stromversorgung in Deutschland ist gewährleistet, wenn bis 2035 zusätzliche steuerbare Kapazitäten von bis zu 22,4 GW (Zielszenario) bzw. bis zu 35,5 GW (Szenario „Verzögerte Energiewende“) errichtet werden.“ Expressis verbis spricht die BNetzA mithin von steuerbarer Kapazität und nicht von Gaskraftwerken. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wertet das Papier der BNetzA als klare Bestätigung ihrer These, dass mindestens 20 GW an neuer Gaskraftwerksleistung entstehen müssen.
In den vergangenen Wochen und Monaten ist in der Berichterstattung von ContextCrew Neue Energie eine Vielzahl von Analysen zur Energiewende vorgestellt worden. Eine kleine Auswahl:
- (September 2025) Agora-Studie nennt vier Hebel für eine effiziente Energiewende: Agora beziffert den Stromverbrauch im Jahr 2030 auf Basis aktueller Entwicklungen auf 701 TWh. Die Analyse beschreibt vier strategische Hebel, um Deutschlands Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz zu stärken: Elektrifizierung auf Kurs bringen, Flexibilität stärken, Stromnetzkosten minimieren und Erneuerbare effizient ausbauen.
- (September 2025) BNetzA: Mehr gesicherte Leistung, mehr Erneuerbare und mehr Flexibilität notwendig: Die Analyse der BNetzA zum Status der Versorgungssicherheit kommt zum Ergebnis, dass die Stromversorgung in Deutschland gewährleistet ist, wenn bis 2035 zusätzliche steuerbare Kapazitäten von bis zu 22,4 GW (Zielszenario) bzw. bis zu 35,5 GW (Szenario „Verzögerte Energiewende“) errichtet werden. Dies sind Bruttowerte, die den Zubau ohne Stilllegungen beziffern.
- (Mai 2025) Szenariorahmen und erwarteter Strombedarf: Für PV geht es um 110 GW mehr Zubau bis 2037: Der von der BNetzA genehmigte Szenariorahmen Strom unterscheidet sich in den Szenarien hinsichtlich der Dynamik beim Ausbau der erneuerbaren Energien und des Verbrauchs stärker als bislang. Konkret definiert der jetzt genehmigte Szenariorahmen beim Nettostromverbrauch eine Bandbreite zwischen 774,8 TWh und 994,2 TWh im Jahr 2037. Mit Blick auf den Ausbau der Photovoltaik würde diese Spreizung zwischen den Szenarien A und C einen Unterschied von mehr als 100 GW im Zubau ausmachen.
- (April 2025) IEA: „Energiewende kann eine riesige Chance für Deutschland darstellen“: Die IEA sieht Deutschland an einem entscheidenden Wendepunkt bei der Transformation seines Energiesystems. In der nächsten Phase sollte Deutschland Maßnahmen priorisieren, die die Effizienz und Resilienz seines wachsenden Stromsystems optimieren, z. B. Smart Meter, Netzausbau, Speicher und regionalisierte Preise. „Alles in allem kann die Energiewende eine riesige Chance für Deutschland darstellen, wenn die richtigen Politikentscheidungen getroffen werden“, fasst die IEA zusammen.
- (April 2025) Chronologie zur Debatte um Stromverbrauch und Systemkosten zwischen Januar und April 2025: Eine Übersicht von ContextCrew Neue Energie verweist auf Studien, die den Diskurs zum Jahresstart geprägt haben. Wie stark wächst der Strombedarf in Deutschland und welche Rückschlüsse können auf das Ausbautempo der erneuerbaren Energien gezogen werden?
Die Bioenergiebranche weist seit geraumer Zeit darauf hin, dass der Anlagenbestand gerade im Biogasbereich ein hohes Potenzial besitzt, nach entsprechender Ertüchtigung und Flexibilisierung einen erheblichen Teil der mittelfristig erforderlich steuerbaren Leistung bereitzustellen. Dieses Potenzial weist der BNetzA-Bericht der Bioenergie nicht zu. In sechs Jahren könnte die Bioenergiebranche ohne Probleme, „wenn man sie nur lassen würde“, mindestens 12 GW Leistung hochfahren – und das ohne zusätzlichen Bedarf an Biomasse, betont das Hauptstadtbüro Bioenergie (HBB). Das entspräche 24 GuD-Kraftwerksblöcken.
Steuerbare Kapazitäten: Wo sind Biomasse und Großbatteriespeicher?
Auch die Speicherbranche reagiert mit Verwunderung auf die Ausarbeitung. Die BNetzA räumt ein, dass die Modellierung von Großbatteriespeichern die tatsächliche Dynamik nicht abbildet. Branchenvertreter sehen hier weniger eine sich anbahnende Stromlücke als eine „Modellierungslücke“. „Ein Versorgungssicherheitsbericht, der die Großspeicher systematisch unterschlägt, liefert kein tragfähiges Fundament für politische Entscheidungen über Kraftwerkszubau oder Kapazitätsmärkte“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar) Carsten Körnig.
- Versorgungssicherheit: „Steuerbare Kapazitäten“ sind mehr als „Gaskraftwerke“
- BNetzA: Mehr gesicherte Leistung, mehr Erneuerbare und mehr Flexibilität notwendig
- „Europäische Regierungen müssen sich in Sachen Windenergie zusammenreißen“
- 9 von 10 Kommunen sehen Wärmepläne als strategische Basis für Wärmetransformation
- EUWID: Regionale Preisunterschiede bei Hackschnitzeln und Grünschnitt nehmen zu