In den vergangenen Jahren ist sehr viel investiert worden in den Aufbau der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Das Wort „investiert“ bezieht sich dabei vor allem auf die Entwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen und Fördersysteme und auf die Formulierung von konkreten Ausbauplänen für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Investitionen im Markt haben bislang nicht das Niveau erreicht, das von der politischen Seite angepeilt wird, um Wasserstoff als wesentliches Element eines dekarbonisierten Energiesystems voranzubringen. Nun gibt es eine weitere Hiobsbotschaft.
Das führende europäische Erneuerbare-Energien-Unternehmen Statkraft hat angekündigt, die Entwicklung neuer Projekte im Bereich grüner Wasserstoff aufgrund der „zunehmenden Unsicherheit im Markt“ zu stoppen. Vor diesem Hintergrund befassen wir uns auf dem Titel von Ausgabe 20.2025 von ContextCrew Neue Energie mit den Problemen beim Hochlauf des Wasserstoffmarkts.
EU-Ziele für H2 für 2030 unter gegebenen Umständen „nur schwer erreichbar“
Hürden wie hohe Kosten und schleppende Investitionen auf Angebots- und Nachfrageseite sowie aktuelle Unsicherheiten bremsen den Hochlauf, während die aktuelle geopolitische Situation die Rahmenbedingungen verändert, schreiben Experten der Universitäten Bonn und Köln in einer kürzlich vorgelegten Analyse. Hierdurch könnten die EU-Ziele für Wasserstoff für das Jahr 2030 unter den gegebenen Umständen „nur schwer erreichbar“ sein.
⮚ Der VDI ruft die Bundesregierung auf, den im Koalitionsvertrag fest verankerten Wasserstoffhochlauf zügig mit konkreten Maßnahmen anzustoßen. Dazu hat der Verein jetzt zwei Maßnahmenpakete und konkrete Handlungsempfehlungen vorgestellt. „Die Champagnerdiskussion rund um den Einsatz von Wasserstoff führt nicht ins Klimaziel“, betont Prof. Michael Sterner, VDI-Wasserstoffexperte und Professor an der OTH Regensburg. „Wenn wir weiterhin die Hürden so hoch stecken, dass keiner springt, kommen wir nicht voran.“ (April 2025)
⮚ Die Hamburg Commercial Bank (HCOB) untersucht in dem Whitepaper „Grüner Wasserstoff: Ist der Energieträger von morgen finanzierbar?“ die Perspektiven von grünem Wasserstoff und welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten, um Wasserstoffprojekte finanzierbar zu machen. „Unsicherheiten wie der Zugang zu großen Mengen erneuerbarer Energien für die Produktion von grünem Wasserstoff sowie die Abnahme und der Transport bremsen Investitionen in grüne Wasserstoffprojekte“, sagt Co-Autor Hans Lötzer (April 2025)
⮚ Grünes H2 teuer, daher muss der Einsatz mit Bedacht erfolgen. Eine Studienreihe aus dem Energiewende-Verbundprojekt Norddeutsches Reallabor (NRL) identifiziert hierbei gegenläufige Trends: Zwar ist der Kostennachteil durch den Einsatz von grünem Wasserstoff anstelle von fossilen Energieträgern im Verkehrssektor am geringsten. Aus Effizienzüberlegungen gilt es aber eher den Industriesektor zu priorisieren. (März 2025)
⮚ Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben weltweit 1.232 angekündigte Wasserstoffprojekte identifiziert. Allerdings seien weniger als zehn Prozent der ursprünglich angekündigten grünen Wasserstoffproduktion realisiert worden. „Der Hauptgrund: Wasserstoff ist nach wie vor ein teures Gut, für das es wenig Zahlungsbereitschaft gibt.“ (Januar 2025)
Derweil haben sich große Teile der Erneuerbare-Energien-Branche vergangene Woche in München auf dem Messeverbund „The Smarter E Europe“ getroffen. Die Stimmung ist weiter sehr gut, auch wenn der schnelle Ausbau gerade der PV die Markterlöse senkt – die Capture-Rate für Solarstrom ist im April 2025 auf 39,0 Prozent gesunken. Die jährlich neu in Betrieb genommene PV-Leistung habe sich zwischen 2021 und 2024 verdreifacht, berichtete der BSW-Solar auf der Intersolar Europe. Ende 2024 sei die Marke von 100 GW installierter PV-Leistung erreicht worden – dies entspreche einer Verdopplung in nur fünf Jahren.
Europäischer Speichermarkt mit elftem Rekordjahr in Folge – Dynamik nimmt aber ab
Erforderlich sind angesichts zunehmender Phasen mit negativen Strompreisen und wachsender Abregelung von Solarstrom insbesondere deutlich mehr Flexibilität und mehr Speicher. Im Jahr 2024 wurden nach dem European Market Outlook for Battery Storage von SolarPower Europe in Europa 21,9 GWh an Batteriespeichersystemen (BESS) neu installiert – das elfte Rekordjahr in Folge. Die gesamte europäische Batteriespeicherkapazität ist damit auf 61,1 GWh gewachsen. Die jährliche Wachstumsrate reduzierte sich allerdings auf 15 Prozent, nachdem sie in den drei Jahren zuvor jeweils eine Verdopplung der neu installierten Kapazitäten verzeichnet hatte.
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