Die Energiespeicherbranche hat im vergangenen Jahr erneut ein deutliches Wachstum erreicht – ihr volles Potenzial für die Energiewende kann sie aber trotz mancher regulatorischer Verbesserungen nach wie vor nicht ausspielen. Nach der Jahresbilanz, die der Branchenverband BVES auf der Messe Volta-X in Stuttgart vorgestellt hat, sind die Umsätze der Branche im Jahr 2022 um ein knappes Drittel auf 12,1 Mrd. € gewachsen. Auch für das laufende Jahr rechnen die vom Bundesverband Energiespeicher Systeme (BVES) beauftragten Marktforscher von 3EC mit einem Wachstum in dieser Größenordnung. (Beitragsbild: Wachstumsraten am Energiespeichermarkt; Quelle: 3EC / BVES)
Hohe Energiepreise, Dekarbonisierungspflichten sowie der Bedarf nach Versorgungssicherheit und Flexibilität trieben den Markt für Energiespeichersysteme deutlich voran, betont der BVES. Zudem bringe der Trend zur E-Mobilität weitere Anwendungsmöglichkeiten für die Speicherbranche in allen drei Marktsegmenten Haushalt, Industrie und Systeminfrastruktur.
„Die gute Entwicklung des Jahres 2022 zeigt, dass Energiespeichersysteme nicht mehr wegzudenken sind, wenn es um ein stabiles, und kosteneffizientes Energiesystem geht“, betont Urban Windelen, Bundesgeschäftsführer des Speicherverbands. Energiespeicher ermöglichten zudem die Sektorenkopplung von Strom in Wärme und in Mobilität und damit die „Rund-Um-Versorgung mit erneuerbarer Energie“. Der Bedarf nach effizienten Speichersystemen werde mit der fortschreitenden Energiewende weiter deutlich steigen.
Der Speichermarkt ist außerordentlich heterogen besetzt, was die unterschiedlichen Technologien betrifft. Sie verfügen dabei über abweichende Fähigkeiten mit Blick auf die Herausforderungen der Energiewende. So reichen die Lösungen von der kurzfristigen Speicherung elektrischer Energie bis hin zum thermischen oder chemischen Langzeitspeicher, der dazu beitragen kann, die Verfügbarkeit von Energie in Phasen mit einem zu geringen Dargebot von Wind- und Solarstrom sicherzustellen.
Marktsegment Haushalte
Das umsatz- und wachstumsstärkste Segment unter den Speichertechnologien war auch 2022 der Haushaltsbereich, der eine Zuwachsrate von über 61 Prozent auf 7,1 Mrd. € erreichte. Wesentlich für diese Entwicklung ist einerseits der Trend zu immer mehr Heimspeichern, die bei drei Vierteln der neuen PV-Anlage gleich mit installiert werden.
Aber auch auf der Wärmeseite entwickelt sich das Thema Energiespeicher in Haushalten dynamisch. Grund ist hier in erster Linie der Boom der Wärmepumpen, die in Verbindung mit Pufferspeichern installiert werden. Auf die Heimspeicher entfallen nach den Analysen der Marktforscher 2,4 Mrd. € des Umsatzes im Haushaltsbereich – also ein gutes Drittel. Knapp zwei Drittel sind dem Ausbau der Wärmespeicher zuzurechnen. Für 2023 rechnet 3EC mit einem Anstieg der Umsätze auf 7,3 Mrd. € bei den Wärmespeichern und 3,0 Mrd. € bei den Speicherbatterien, womit die 10-Mrd.-€-Marke bei den Umsätzen im Marktsegment Haushalte überschritten würde.
Mit dem Trend zur E-Mobilität und der Möglichkeit zum Laden seines E-Autos mit selbsterzeugtem Strom sei auch die Sektorkopplung zur Mobilität ein fester Bestandteil der Energiespeichersysteme in Haushalten geworden, führt der BVES aus. Im wenigen Wochen erwartet der BVES die 1.000.000 Energiespeicherinstallation im Haushaltsbereich. „Das bedeutet, dass dann bereits 1.000.000 Familienhäuser sich weitgehend selbst mit grüner Energie versorgen.“ Auch die Entwicklung bei den Wärmespeichern erreiche Zuwachsraten, die deutlich höher als erwartet ausfallen. „Die Energiewende kommt im Häusersektor an“, heißt es in der 3EC-Analyse.
Marktsegment Industrie & Gewerbe
Trotz kontinuierlichem Wachstum lag das Umsatzniveau im Segment Industrie und Gewerbe unterhalb der Vorjahresprognose. „Nicht erfüllte Erwartungen für die Gesetzgebung und Regulierung, lange Genehmigungsprozesse und auch der Fachkräftemangel bremsen den Einsatz von Speichersystemen in der Industrie noch aus“, führt der Branchenverband aus.
Als Hemmnis haben sich auch die Förderprogramme zur Senkung des Kostenanstiegs der fossilen Energieversorgung geführt. Hierdurch seien konkrete Projekte in der Industrie im Zuge der Energiekrise im vergangenen Jahr zunächst verschoben worden. „Im Wärmebereich steigt allerdings die Bedeutung, bzw. Nachfrage nach Wärmespeichern für Hochtemperatur und Prozesswärme als Lösung für Dekarbonisierung und Energieeffizienz deutlich an.“
Die Industrie lerne gerade, dass thermische Speicher ein geeignetes Instrument seien, um Prozesswärme bis zu 1.600 °C zu generieren und gleichzeitig die Flexibilität in der Energieversorgung zu erhöhen, erläuterte BVES-Geschäftsführer Windelen. Im Sektor Mobilität setzen sich Speichersysteme für das gleichzeitige Laden von einer Vielzahl von E-Autos oder Flotten immer mehr durch. Angesichts der Vielschichtigkeit der Speicherlösungen in Industrie und Gewerbe werde man für die Analysen im kommenden Jahr noch einmal prüfen, inwieweit die Segmentaufgliederung hier geschärft werden kann, ergänzte Windelen.
Marktsegment Systeminfrastruktur
Das Segment Systeminfrastruktur hat die Delle der vergangenen Jahre „mehr als ausgeglichen“, berichtet der BVES. Der Ausbau von den Großbatteriespeichern habe einen „kleinen Boom“ erlebt. Der Grund dafür seien stabile Regelenergiepreise und die Flexibilisierung der Märkte, sodass ein Speicher an verschiedenen Märkten teilnehmen und Erlöse erzielen kann. Auch die Pumpspeicher zeigten einen deutlichen Bedeutungs- und auch Umsatzzuwachs. „Aufgrund der stark schwankenden Energiepreise und dem höheren Bedarf nach Flexibilität können sie ihre großen Kapazitäten gut in den Energiemärkten platzieren“, führt der BVES aus. Dieser Trend soll auch im laufenden Jahr anhalten.
Positive Aussichten – und Zweifel an Systemstabilität ohne Speicher
Auch für 2023 seien die Perspektiven positiv – nicht nur im Haushaltsbereich. Mehr als zwei Drittel der am Energiespeichermarkt aktiven Unternehmen erwarteten Umsatzsteigerungen gegenüber dem Vorjahr. Die Branche ist allerdings nicht ausschließlich auf Deutschland fokussiert. Energiespeichersysteme „Made in Germany“ hätten einen exzellenten Ruf in der Welt. Aktuell geht der Blick in starkem Maße in Richtung USA, wo der Inflation Reaction Act einen erheblichen Standortvorteil biete.
Hierzulande sind die positiven Aussichten von verschiedenen Faktoren begrenzt. Zum ersten Mal sei der Fachkräftemangel als Haupthemmnis für die Entwicklung der Branche genannt worden. Ein Mangel an passenden regulatorischen Rahmenbedingungen ist aus Sicht der Branche aber ebenfalls unverändert ein großes Hindernis. Gleichzeitig erwarten drei Viertel der im Zuge der Analysen Befragten einige positive Veränderungen in den kommenden Monaten. Auch die geopolitischen Veränderungen und die damit verbundene Instabilität der Marktbedingungen hätten einen negativen Einfluss auf das weitere Wachstum und mögliche Investitionen.
„Es ist höchste Zeit für die Bundesregierung, die wachsende Rolle der Energiespeicherung für unser zukünftiges Energiesystem anzuerkennen und den breiten Einsatz von Speichertechnologien endlich zu ermöglichen und zu fördern“, sagt Windelen. Wer den Ausbau der erneuerbaren Energien voranbringe, müsse auch Flexibilität und Versorgungssicherheit durch Energiespeichersysteme forcieren. Die Lösungen für die Dekarbonisierung und die Versorgungssicherheit sind technisch da, dies zeige nicht zuletzt die Volta-X, „wir müssen sie nur auch einsetzen und anwenden“.
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