Der Netzausbau in Deutschland ist weiterhin ein, wenn nicht der große Engpass für einen dynamischeren Ausbau von erneuerbaren Energien und Flexibilitäten. Das Bundeswirtschaftsministerium hat übereinstimmenden Medienberichten zufolge den Entwurf für ein „Netzpaket“ erstellt, das den Netzanschluss erneuerbarer Energien deutlich erschweren würde. Wie der „Spiegel“ zuerst berichtete, sollen „kapazitätslimitierte Netzgebiete“ ausgewiesen werden, in denen ein unverzüglicher Anschluss neuer Anlagen nur dann möglich sein soll, wenn der Betreiber für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren auf Entschädigungen bei Abregelungen verzichtet.
Einerseits ließen sich mit einer solchen Vorgehensweise Kosten der Abregelungen von erneuerbaren Energien senken, andererseits wird der Business Case für viele Projekte nicht mehr darstellbar sein. In der Erneuerbaren-Branche stößt der Vorschlag auf großes Unverständnis stoßen. Der Einspeisevorrang erneuerbarer Energien gilt als eines der zentralen Instrumente, die der Energiewende in Deutschland Schwung verliehen haben.
Green Planet Energy: „Frontalangriff auf die Energiewende“
Zudem sieht die Erneuerbaren-Branche die Netzbetreiber in der Pflicht. „Der Netzzugang für neue Projekte wird immer schwieriger“, monierte die Präsidentin der Bundesverbands Windenergie (BWE) kürzlich bei der Vorstellung der Ausbauzahlen für die Windenergie an Land. Die Versäumnisse der vergangenen Jahre beim Netzausbau dürften jetzt nicht dazu führen, dass die Windenergie ausgebremst wird. „Die Windenergiebranche hat ihre Hausaufgaben gemacht. Jetzt sind die Netzverantwortlichen in der Bringschuld.“
Der Ökoenergieversorger Green Planet Energy spricht mit Blick auf Reiches Pläne von einem „Frontalangriff auf die Energiewende“. „Wenn der Einspeise- und Anschlussvorrang für erneuerbare Energien fällt, droht der Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv einzubrechen“, sagt Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy. Reiche halte zwar offiziell an den Ausbauzielen fest, „doch was nützen Solardächer und Windräder auf dem Papier, wenn neue Anlagen nicht wirtschaftlich betrieben werden können und keinen verlässlichen Netzanschluss mehr bekommen?“
Betreiber in fast allen Netzregionen müssten auf Entschädigungen verzichten
In der Praxis wären Betreiber in fast allen Netzregionen Deutschlands gezwungen, auf Entschädigungen bei Abregelungen zu verzichten, um neue Anlagen schnell zu realisieren. Besonders fatal sei, dass die Verantwortung für überlastete Netze auf Anlagenbetreiber abgewälzt wird, anstatt Netzbetreiber endlich in die Pflicht zu nehmen. „Unsere Forderungen sind klar: Der Anschluss- und Einspeisevorrang für Erneuerbare darf nicht angetastet werden, er ist das Rückgrat der Energiewende. Netzbetreiber müssen verpflichtet werden, Netzausbau und Digitalisierung massiv zu beschleunigen.“
BMWE-Entwurf sieht auch Erhebung von Baukostenzuschüssen für EE-Betreiber vor
Reiches Entwurf für das Netzpaket sieht dem Spiegel-Bericht zufolge auch die Erhebung von Baukostenzuschüssen für Betreiber neuer regenerativer Stromerzeuger vor. Optimierung, Verstärkung und Ausbau der Netze sollen mit diesem Instrument teilweise mitfanziert werden. Auch dies würde unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeitsberechnung der Investitionen durchschlagen und dazu führen, dass die Zahl von neuen Projekten unter den Status quo sinken würde.
Zuletzt waren die Netzanschlussanfragen deutlich gestiegen. Nicht nur Windenergieanlagenbetreiber müssen aktuell immer länger auf die Anschlusszusage warten. Besonders deutlich zeigt sich der Engpass bei Großbatteriespeichern. Aufgrund des bisherigen Verfahrens „First come first served“ hatten die Petenten einen Anreiz, Projekte möglichst zeitnah bei den Netzbetreibern zu melden. Teilweise wurden Projekte bei verschiedenen Netzbetreibern gemeldet. Im Ergebnis türmen sich inzwischen Anträge im Bereich von mehreren hundert Gigawatt insbesondere bei den Übertragungsnetzbetreibern. Diese haben nun reagiert, indem sie zeitnah auf ein „Reifegradverfahren“ umstellen wollen.
Branche wartet auf Vorschläge zu effizienter Netznutzung und Ausbaubeschleunigung
Aus Branchensicht ist es notwendig, den Netzausbau zu priorisieren – und Maßnahmen, die es ermöglichen, die Bestandsnetze besser zu nutzen. Gefordert wird eine umfassende Flexibilitätsstrategie. „Das bedeutet vor allem eine deutliche Flexibilisierung auf Erzeugungs- und Verbraucherseite sowie in den Netzen, zum Beispiel durch Speicher, den Hochlauf der grünen Wasserstoffwirtschaft, konsequentes Cable Pooling und eine Stärkung der Direktbelieferung“, so die BWE-Präsidentin im Januar. Eine entsprechende Flexibilisierung entlaste die Netze und schaffe einen zeitlichen Puffer, bis der Netzausbau an Fahrt gewinnt.