EUWID Neue Energie (seit 2022 ContextCrew Neue Energie) hat mit Simone Peter, der seit März 2018 amtierenden Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, ein ausführliches Interview über Status quo und Perspektiven der Energiewende geführt. Lesen Sie im folgenden zehn Fragen zu den Themen Ausschreibungen bis Sektorkopplung und die ausführliche Positionierung der BEE-Chefin zu den Schlüsselthemen der Energiewende.
Frau Peter, zum Antritt als BEE-Präsidentin haben Sie darauf verwiesen, dass die Große Koalition alles daransetzen müsse, das Klimaziel 2020 doch noch zu schaffen. Der Klimaschutzbericht zeigt nun, dass die Ziele noch deutlicher verfehlt werden als befürchtet. Hinzu kommt das zögerliche Agieren bei der Umsetzung der Vereinbarungen im Koalitionsvertrag (Stichwort: Sonderausschreibungen). Wie erleben Sie die gegenwärtige Entwicklung?
Die Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung ist ernüchternd. Die im Koalitionsvertrag skizzierten Ansätze werden nicht verfolgt, die Initiativen fehlen und die Bundesregierung bremst auf nationaler sowie auf europäischer Ebene. Damit verfehlt man kurz- und langfristig die Ziele – nicht nur die fürs Klima, sondern auch die für den Ausbau erneuerbarer Energien: Es werden nur gut 16 statt der auf EU-Ebene verbindlich vereinbarten 18 Prozent erneuerbare Energien bis 2020 erreicht, wie der BEE jüngst mit Berechnungen belegt hat. Statt anhaltendem Zaudern bräuchte es Mut und Entschlossenheit.
Deutschland nimmt international eine wichtige Rolle ein und sollte Vorbild sein, wenn es darum geht, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und ökonomische Perspektiven zu verbinden. Die Energiewende muss deshalb beschleunigt werden. Das heißt mit Blick auf den Koalitionsvertrag, die vereinbarten Sonderausschreibungen auf den Weg zu bringen, den Pfad für 65 Prozent Erneuerbare Energien im Stromsektor bis 2030 planungssicher zu beschreiben und endlich den Sektoren Wärme und Verkehr Schwung zu verleihen.
Was wären denn die dringlichsten Schritte, die seitens der Bundesregierung getan werden müssten, um das Ziel noch erreichen zu können oder die Lücke wenigstens spürbar zu verkleinern?
Die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung, kurz Kohlekommission, hat ihre Arbeit jetzt endlich aufgenommen. Sie muss nun einen planbaren, sozial verträglichen Kohleausstieg skizzieren, der sich an den nationalen und internationalen Klimazielen orientiert. Nur so können die Klimaziele erreicht, Strukturbrüche vermieden und Investitionssicherheit in klimaschonende Technologien geschaffen werden.
Dieser Ausstiegsplan, der mit Blick auf das Klimaziel 2020 einen beherzten Einstieg braucht, muss von einem Konzept für den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie für Speicher, Effizienzmaßnahmen und die Verknüpfung der verschiedenen Sektoren für die kommenden Jahrzehnte begleitet sein. Damit kurzfristig wieder Investitionssicherheit herrscht, braucht es eine neue Dynamik beim Ökostrom, aber auch die steuerliche Förderung der Gebäudesanierung und eine Offensive bei Speichern und klimafreundlicher Mobilität. Die Maßnahmen bis zur vollständigen Dekarbonisierung spätestens im Jahr 2050 und bis zu 100 Prozent Erneuerbaren müssen dann verbindlich im Klimaschutzgesetz verankert werden.
Die ganz große Herausforderung im Zuge der Energiewende ist es, aus einer „Stromwende“ auch eine „Wärmewende“ und eine „Verkehrswende“ zu machen. Dabei müssen die drei Bereiche im Zuge der Sektorkopplung gemeinsamen gedacht werden. Worin sehen Sie die oberste Priorität für eine erfolgreiche Sektorkopplung und wie kann der BEE Einfluss nehmen auf die Agenda in dieser Frage?
Ja, der Erfolg der Energiewende im Stromsektor muss bei Wärme und Verkehr wiederholt werden, alle Bereiche müssen intelligent verbunden und Speichermöglichkeiten angereizt werden. Der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien lässt sich vor allem durch die Einführung eines nationalen CO2-Preises beschleunigen. Damit könnte man das Steuer- und Abgabensystem entschlacken und die Sektorenkopplung ankurbeln. Das hat der BEE schon seit einiger Zeit auf der Agenda und erfreulicherweise auch Umweltverbände, Klimawissenschaftler und zunehmend Unternehmen, die schlau rechnen.
Immerhin stand der CO2-Preis in der Meseberger Erklärung von Kanzlerin Merkel und Präsident Macron vom Juni. Das motiviert uns. Und da werden wir nicht nachlassen. Und selbstverständlich muss die Förderung von Heizungstechnologien, die mit fossilen Energieträgern betrieben werden, eingestellt werden. Ab dem Jahr 2030 sollten zudem nur noch Fahrzeuge neu zugelassen werden, die CO2-frei oder CO2-neutral betrieben werden.
Als Dachverband der Erneuerbaren-Branche vertritt der BEE die Interessen einer heterogenen Gruppe von Verbänden und angeschlossenen Unternehmen. Entsprechend unterschiedlich fallen die Wünsche an die Ausgestaltung der Sektorkopplung aus. Wie positioniert sich denn der BEE zwischen „All electric“ und einer perspektivisch gestärkten Gasinfrastruktur für die Einspeisung von Biomethan oder synthetischem Gas aus Power-to-Gas-Anlagen?
Wir sind uns im BEE einig: Die Sektorenkopplung ist der Garant für die Integration der Erneuerbaren in Wärme, Industrie und Mobilität, und sie ist der Schlüssel für einen volkswirtschaftlich notwendigen Umbau des Energiesystems hin zu einer ressourceneffizienten und treibhausgasarmen Versorgung. Auch die Gasinfrastruktur spielt dabei eine wichtige Rolle – sie ist vollständig ausgebaut und steht als Langfristspeicher für Erneuerbare Gase zur Verfügung. Mit der Sektorenkopplung müssen deshalb mehr Schnittstellen zwischen Strom, Gas und Wärme geschaffen werden. Nur so können mehr erneuerbare Energien in Haushalten, Unternehmen und für die Mobilität genutzt, Netze entlastet und Kosten für Redispatch und Einspeisemanagement gesenkt werden.
Das BMWi hat in der vergangenen Legislaturperiode beim Ausbau der Erneuerbaren den Paradigmenwechsel von festen Einspeisetarifen auf Ausschreibungen vorgenommen. Kritiker bemängeln dabei weniger den Umstieg auf ein marktwirtschaftliches Instrumentarium als die implizite Begrenzung des Ausbaus erneuerbarer Energien durch zu kleine Ausschreibungsvolumina. Welcher jährliche Zubau ist denn nach Ihrer Einschätzung erforderlich, um vor dem Hintergrund eines steigenden Strombedarfs auch in den Bereichen Wärme und Verkehr hinreichende Fortschritte bei der Energiewende zu erreichen?
Dieser Paradigmenwechsel war schmerzhaft. Und tatsächlich hat die damit verbundene Deckelung der Erneuerbaren zu einem Einbruch bei der installierten Leistung geführt, der die Planungssicherheit der Unternehmen wie auch die Klimaschutzwirkung der Erneuerbaren gleichermaßen berührte. Um einen Fadenriss zu vermeiden und die Stop-and-Go-Politik zu beenden, müssen deshalb deutlich höhere Korridore definiert werden. Wir rechnen derzeit mit mindestens fünf Gigawatt bei Windenergie an Land, die PV-Branche spricht von zehn Gigawatt jährlich. Dafür muss natürlich der 52-Gigawatt-Deckel bei der Photovoltaik gestrichen werden.
Auch bei der Offshore-Windkraft ist noch deutlich Luft nach oben. Hier wäre schon viel gewonnen, wenn das Offshore-Ziel für 2020 auf 20 GW angehoben werden würde. Und auch bei der Bioenergie müssen Ausbaupfad, Ausschreibungsdesign sowie die Anreize zur bedarfsgerechten Stromerzeugung und zur Stärkung des Einsatzes von Rest- und Abfallstoffen angepasst werden. So tragen Erneuerbare neben dem Kohleausstieg mit dazu bei, das Klima zu schützen und der Industrie einen Planungshorizont zu geben. Es wäre sonst fahrlässig, milliardenschwere Investitionen und sichere Arbeitsplätze zu riskieren.
Die Bioenergie hat in den vergangenen Jahren stark an politischer Unterstützung eingebüßt. Es gibt nach früheren EEG-Novellen kaum mehr einen Zubau von Bioenergieanlagen und die Perspektiven für traditionelle Biokraftstoffe haben sich eingetrübt. Welche Rolle sehen Sie für Bioenergie, die ihre Rohstoffe aus nachhaltigen Quellen bezieht? Wo kann die Bioenergie bestmöglich für eine erfolgreiche Energiewende eingesetzt werden?
Die Bioenergie ist unverzichtbarer Teil des Erneuerbare Energien-Mixes. Als planbar einsetzbare Energiequelle ist sie – wie Wasserkraft und Geothermie – eine wichtige Partnerin der fluktuierenden Quellen Sonne und Wind. Ob fest, flüssig oder gasförmig: flexibel eingesetzte Bioenergie sichert kontinuierlich die Strom- und Wärmeversorgung, liefert eine saubere Alternative zu fossilen Kraftstoffen und bietet der Landwirtschaft ein zusätzliches Standbein.
Die Anlagenbetreiber der Bioenergiebranche brauchen deshalb ebenfalls mehr Planungssicherheit und ausreichende Erlöse am Markt. Ganz konkret müsste zum Beispiel der sogenannte Flexdeckel im EEG abgeschafft oder deutlich erhöht werden, um die flexible Energieerzeugung aus Biogas auch zukünftig zu gewährleisten. Neben der land- und forstwirtschaftlich bereit gestellten Biomasse stehen zudem Reststoffe und Abfälle biogenen Ursprungs für die energetische Nutzung zur Verfügung. Hier sind die Potenziale noch bei weitem nicht ausgeschöpft.
Anders als die steuerbare Bioenergie erzeugen Wind- und Solaranlagen ihren Strom dargebotsabhängig. Aber nicht immer ist das Angebot ausreichend, um die aktuelle Nachfrage zu decken, Stichwort „Dunkelflaute“. Wie weit können Speicher dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht perspektivisch auszugleichen. Welche Technologien spielen dabei in Ihren Augen die wichtigste Rolle?
Bereits die heutige Leistung von Speichern wird häufig unterschätzt. Die Entwicklung ist viel weiter fortgeschritten als allgemein wahrgenommen. Das gilt für Kurzzeitspeicher, deren Kosten bereits deutlich gesunken sind, ebenso wie für Langzeitspeicher. Für kurze Phasen stehen bereits Pumpspeicher sowie zunehmend Batterien zur Verfügung. Auch lässt sich ein Teil der Nachfrage bei Spitzenlast im Bedarfsfall reduzieren.
Auch Langzeitspeicher sind längst vorhanden. Die Gasspeicherkapazitäten in Deutschland können ein Vielfaches dessen abdecken, was während der sogenannten Dunkelflaute benötigt wird. Die sollte man auch nicht überbewerten, denn gemeinsam mit dem wachsenden Mix aus Erneuerbaren, in dem Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie konstant einspeisen, Anpassungen im Marktdesign mit zum Beispiel Flexibilisierungsmechanismen sowie verbessertem Last- und Netzmanagement sichern Speicher in Zukunft weiterhin verlässlich die Versorgung.
Die Energiewende ist im Kern ein dezentrales Projekt, getragen von bürgerschaftlichem Engagement. Durch die Ausschreibungen und das Scheitern der Bürgerenergieregelungen für die Windkraft im EEG hat die Akteursvielfalt zumindest in diesem Technologiesegment Schaden genommen. Wie kann die Teilhabe an der Energiewende für die Bürger des Landes wieder gestärkt werden?
Die Energiewende war, ist und muss ein Mitmachprojekt bleiben. Bürgerenergie hat die Energiewende erst ins Rollen gebracht und nur sie wird auch die nötige Akzeptanz auf Dauer erhalten. Deshalb ist es gut, dass der EU-Trilog für die neue Erneuerbare-Energie-Richtlinie einen Kompromiss erzielt hat, der ermöglicht, dass Strom vom Sonnendach bis zu einer Anlagengröße von 30kWp abgabenfrei verbraucht werden kann. Daneben definiert die EU mit dieser Richtlinie erstmals ein konkretes Recht auf Erneuerbare Eigenversorgung.
Aber es braucht noch mehr: Für Bürgerenergieanlagen, die an Ausschreibungen teilnehmen, muss gesichert sein, dass diese die Risiken auch tragen können. Daneben müssen die Rechte von Energie-Prosumern spürbar gestärkt werden. Bürgerinnen und Bürger sollten die Möglichkeit haben, ohne großen Aufwand entweder den eigenen Energiebedarf sauber zu decken oder an andere verkaufen zu können.
Viele Dachflächen sind bislang ungenutzt und bieten großes Potenzial, um die eigene Wohnung und die der Nachbarn mit günstiger, Erneuerbarer Energie zu versorgen. Bislang sind die Auflagen zu kompliziert und die Abgaben zu hoch, deshalb müssen die bestehenden finanziellen und rechtlichen Hürden abgebaut werden. Die Demokratisierung der Energieversorgung muss weitergehen – und kann auch auf den Wärme- und Verkehrssektor übertragen werden, wenn wir uns Stück für Stück von den Monopolen der Gas- und Treibstoffproduzenten trennen.
Die Frage zentral versus dezentral stellt sich auch mit Blick auf den Netzausbau. Das Öko-Institut hat eine Metastudie vorgestellt, nach der man am Ausbau der Übertragungsnetze gegenwärtig nicht vorbeikommt, vor allem, wenn der dezentrale Ausbau – wie etwa die Errichtung von Windkraftanlagen in Süddeutschland – stockt. Vielen Freunden der dezentralen Energiewende ist der Ausbau der Übertragungsnetze ein Dorn im Auge, andere halten ihn für notwendig. Inwieweit ist der Netzausbau aus Ihrer Sicht notwendig?
Ganz ohne den Ausbau von Übertragungsnetzen wird es nicht gehen. So ist zum Beispiel die Inbetriebnahme der Thüringer Strombrücke ein Erfolg, da seitdem signifikant Kosten für Redispatch und Einspeisemanagement eingespart wurden. Es gibt aber eine Vielzahl von Maßnahmen, um die der Netzausbau aus Sicht des BEE auf jeden Fall ergänzt werden muss, auch auf der Ebene der Verteilnetze.
Dazu zählen unter anderem die Engpassbewirtschaftung an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich ab Herbst 2018, die Installation von Phasenschiebern an Netzknoten, das Management mit zuschaltbaren Lasten und Speichern sowie weitere Maßnahmen zur Netz-Optimierung nach dem sogenannten NOVA-Prinzip (Netz-Optimierung vor Verstärkung vor Ausbau). Aber auch die ab 2020 aus der EEG-Vergütung herausfallenden Anlagen sind systemrelevant und können durch Weiterbetrieb einen Beitrag zur klimaschonenden und sicheren Energieversorgung oder durch Repowering einen Beitrag zur Netzstabilisierung leisten.
Auch intelligente Netztechnik kann nach unserer Überzeugung den Ausbaubedarf erheblich reduzieren, ebenso die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr. Außerdem wird der Ausstieg aus der Atomkraft und dann sukzessive aus der Kohleverstromung die Netze spürbar entlasten.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. In der Energiewirtschaft dominieren Männer in Führungspositionen weiter sehr deutlich. Claudia Kemfert hat im EUWID-Interview im vergangenen Herbst zugleich auf eine DIW-Studie verwiesen, nach der Frauen gerade in solchen Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, die mit innovativen Geschäftsmodellen am Markt vertreten sind. Was können wir von der ersten Präsidentin des BEE an innovativen Impulsen erwarten? Und was können Sie Frauen empfehlen, die sich in einem Männer-dominierten Umfeld durchsetzen müssen?
Ich halte eine gleichwertige Vertretung von Frauen in allen gesellschaftlichen Gruppen – von Unternehmen über Verbände bis hin zu Parteien – für absolut bedeutend, weil sie die Hälfte der Gesellschaft abbilden und häufig anders an Dinge herangehen als Männer. Da hat Claudia Kemfert unbedingt recht. Deswegen ist es wichtig, dass es weibliche Vorbilder gibt, aber insbesondere, dass die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen stimmen.
Ohne gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, verbindliche Frauenquoten oder Entgeltgleichheit wird die notwendige Parität nicht erreicht werden. Und es braucht Netzwerke unter Frauen, die das miteinander besprechen und einfordern. Das wird ebenso Teil meiner Arbeit als Präsidentin des BEE sein wie die Idee, der Energiewende eine neue Erzählung als Klimaschutz- und Gerechtigkeitsprojekt zu geben. Die rein technische Fixierung springt oft zu kurz, wenn es darum geht, Menschen davon zu überzeugen. Der Erhalt der Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen und den globalen Süden, die Begrenzung von Energiearmut und Ressourcenknappheit und die Fürsorge für zukunftssichere Arbeitsplätze und bürgerschaftliches Engagement haben für viele Menschen einen hohen Wert. Da möchte ich sie abholen auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbarer Energie.
Vielen Dank für das Interview!