Die Diplom-Volkswirtin Ursula Heinen-Esser ist seit Oktober Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Die geborene Kölnerin war unter anderem Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschafts- und im Bundesumweltministerium. Von 2018 bis 2022 war sie Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen. Im ContextCrew-Interview nimmt sie Stellung zum Status von Strom-, Wärme- und Verkehrswende und zur Rolle der Flexibilitäten. Dabei macht sie deutlich, dass an den erneuerbaren Energien längst kein Weg mehr vorbeigeht: „Wir sind das Rückgrat der deutschen Stromversorgung und eine Branche, die in ihrer Breite hunderttausende Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette sichert.“
Frau Heinen-Esser, in den vergangenen Wochen und Monaten hat sich die öffentliche Debatte in eine Richtung verschoben, in der Klimaziele infrage gestellt und die Kosten der Transformation betont werden. Was ist jetzt notwendig, um die Chancen einer kosteneffizienten Energiewende für die heimische Wirtschaft und den Kampf gegen den Klimawandel wieder in den Blickpunkt zu rücken?
Die Regierung hat sich im Koalitionsvertrag zu den Klimazielen bekannt. Das gilt. Bei der Vorstellung des Energiewende-Monitorings hat auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche unterstrichen, dass am 80 Prozent Ziel nicht gerüttelt wird. Die Kernfrage ist aber, 80 Prozent von was. Und hier müssen wir ansetzen. Wir gehen davon aus, dass der Strombedarf in Deutschland im Jahr 2030 mehr als 700 Terawattstunden betragen wird.
Dafür gibt es verschiedene Treiber: den wirtschaftlichen Aufschwung, Nachholeffekte bei der Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Verkehr und vor allem den Zubau von Rechenzentren. Der Ausbau der Erneuerbaren ist auf einem guten Kurs. Was wir jetzt brauchen, ist Kontinuität bei den Zielen, einen Investitionsrahmen, der den Ausbau in der Breite unterstützt und ein modernes, digitales und flexibles Netz.
Der Fokus der neuen Bundesregierung liegt bislang sehr auf der Stärkung zentraler Flexibilität durch den Zubau von Gaskraftwerken. Wie bewerten Sie diese Strategie? Welche Rolle sollte nach Ansicht des BEE dezentrale Flexibilität spielen – etwa durch KWK, Bioenergie, Großbatteriespeicher oder steuerbare Verbraucher? Und wie kann ihre Nutzung gezielt gefördert werden?
Bei der Flexibilität darf der Blick nicht nur auf Gaskraftwerke verengt werden. Das greift zu kurz. Neue Gaskraftwerke müssen mindestens H2-ready sein, sonst werden sie zu Stranded Assets statt einer Investition in die Zukunft. Der Monitoringbericht hat die zentrale Rolle von Flexibilitäten im Netz betont – nicht nur zur Stärkung der Versorgungssicherheit, sondern auch zur Senkung der Systemkosten insgesamt. Ein tatsächlich technologieoffener Ansatz muss dabei das ganze Spektrum der Erneuerbaren Flexibilitätsoptionen in den Blick nehmen.
Wie schätzt der BEE den aktuellen Stand der Speicherentwicklung ein, und wo sehen Sie die größten Hürden – etwa beim Netzanschluss von Großbatteriespeichern oder der netzdienlichen Einbindung von Speichern? Wie können die Potenziale von Heimspeichern für das Gesamtsystem gehoben werden?
Die größte Hürde ist aktuell auf jeden Fall der Netzanschluss von Speichern. Wir sehen im gesamten Netz, dass Anschlusskapazitäten fehlen. Hier muss der ganze Prozess entbürokratisiert und beschleunigt werden. Schon allein die Überbauung der Netzverknüpfungspunkte mit Windenergie, Photovoltaik und Speichern könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, hier voranzukommen.
Der Monitoringbericht hat gerade erst herausgestellt, wie wichtig Flexibilitäten im Netz sind. Das gilt besonders für Speicher. Damit diese ihr Potenzial entfalten können, müssen wir Investitionshemmnisse wie die Baukostenzuschüsse reduzieren und systemische Anreize setzen, zum Beispiel für variable Stromtarife und flexible Netzentgelte. Dafür ist allerdings ein erfolgreicher Rollout von Smart Metern die Voraussetzung.
Die Bioenergie bietet vielfältige Nutzungsoptionen für die Energiewende, ihre nachhaltige Verfügbarkeit ist aber begrenzt. Wie bewertet der BEE die künftige Rolle der Bioenergie im Energiesystem? Wo sehen Sie klare Nutzungsschwerpunkte, und wo Grenzen?
Die Bioenergie ist unverzichtbar für die Energiewende, da sie flexible, speicherbare Energie für die Strom- und Wärmeversorgung bereitstellt. Bioenergieanlagen können z.B. die Stromerzeugung von Wind und PV optimal ergänzen und für Netzstabilität sorgen. Noch dazu kann die Bioenergie z.B. durch die Nutzung von Reststoffen wie Gülle eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft stärken und effektiv Treibhausgasemissionen reduzieren. Sie sichert außerdem regionale Wertschöpfung in ländlichen Räumen und bietet landwirtschaftlichen Betrieben eine wichtige, zusätzliche Einnahmequelle. Die Bioenergie ist ein etablierter, vielseitiger und klimafreundlicher Baustein für eine erfolgreiche Energiewende.
Welche Rolle können Biomasseheizungen und Solarthermie aus Sicht des BEE in einer integrierten Wärmewende künftig spielen. Wie bewertet der BEE deren Komplementarität mit effizienten direktelektrischen Lösungen (Stichwort: Wärmepumpe) auch mit Blick auf das Thema Versorgungssicherheit?
Für die Umsetzung der Wärmewende setzen wir auf das Zusammenspiel aller Erneuerbaren Wärmeoptionen. Die richtige Kombination sichert eine kosteneffiziente und erzeugungsnahe Wärmeversorgung. Dies wird an ihrem Beispiel der Solarthermie deutlich. Diese kann z.B. in den Sommermonaten die Versorgung mit Warmwasser sicherstellen und im Herbst oder Frühling einen Teil zur Beheizung des Gebäudes beitragen. Das reduziert Kosten für den Betrieb des Hauptwärmeerzeugers, wie z.B. einer Wärmepumpe oder einer Biomasseheizung. Bei richtiger Kombination können sich die verschiedenen Technologien sinnvoll ergänzen und jederzeit eine sichere und kosteneffiziente Wärmeversorgung sicherstellen. Wir sprechen uns daher für ein Level-Playing-Field aller Erneuerbaren Wärmeoptionen aus.
Welche konkreten Schritte hält der BEE für notwendig, um die Antriebswende voranzubringen? Welche Rolle sehen Sie dabei für Biokraftstoffe im Zusammenspiel mit E-Mobilität und synthetischen Kraftstoffen? Wie sieht Ihre mittelfristige und langfristige Vision für den Verkehrssektor aus?
Zunächst einmal brauchen wir Digitalisierung und Standardisierung in den Netzen. Dadurch schaffen wir nicht nur mehr Transparenz, sondern können auch Verfahren allgemein beschleunigen und die Effizienz im System erhöhen. Davon abgesehen müssen endlich die noch immer bestehenden Hemmnisse beim bidirektionalen Laden abgebaut werden.
Die Batterien von Elektrofahrzeugen sollten zudem wie das behandelt werden, was sie sind: Energiespeicher. Diese rechtliche Klarstellung fehlt aktuell noch. Mit Blick auf die Vielfalt der Antriebe ist es wichtig, ein Level-Playing-Field zu schaffen. Biokraftstoffe, ergänzt durch Biomethan und in begrenztem Maße auch E-Fuels, spielen eine zentrale Rolle, um die Deckungslücke bei der Dekarbonisierung des Verkehrssektors zu schließen. Ihre Potenziale dürfen nicht außer Acht gelassen werden.
Wie wollen Sie als neue Präsidentin den Austausch mit der Politik – insbesondere mit dem Bundeswirtschaftsministerium – künftig gestalten? Kürzlich haben BWE und BVES ein gemeinsames Positionspapier zu Co-Location veröffentlicht. Plant der BEE, solche koordinierten Brancheninitiativen künftig stärker zu fördern? Wo sehen Sie Chancen, die Kräfte der verschiedenen Erneuerbaren-Sparten besser zu bündeln?
Ich denke, wir müssen in unseren Botschaften noch klarer werden und auch selbstbewusster auftreten. Die erneuerbaren Energien sind keine Nischentechnologie mehr. Wir sind das Rückgrat der deutschen Stromversorgung und eine Branche, die in ihrer Breite hunderttausende Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette sichert. Und das nicht nur in Ballungszentren, sondern vor allem auch in ländlichen Regionen.
Echte Versorgungssicherheit im Sinne von Unabhängigkeit von fossilen Importen gibt es nur mit den erneuerbaren Energien. Das kommt auch zunehmend in anderen Industrien an, auch in solchen, die überraschen. Rheinmetall beispielsweise forscht an nicht-fossilen Antriebstechnologien für Panzer. Wir werden auch mit Blick auf die Zukunft mit Partnern aus allen Feldern der Wirtschaft kooperieren, um unsere zentrale Botschaft zu unterstreichen: Die Energiewende ist eine deutsche Erfolgserzählung. Sie lässt sich nicht mehr zurückdrehen.
Frau Heinen-Esser, vielen Dank für das Interview!