Die Energiespeicherbranche boomt. Ende 2017 waren bereits 80.000 Hausspeicher am Netz – Tendenz steigend, insbesondere, wenn mehr und mehr PV-Anlagen aus der EEG-Förderung fallen. Hinzu kommen bereits Großbatterien am Regelmarkt mit einer installierten Leistung von 185 MW und Pumpspeicherkraftwerke als einzige gegenwärtig verfügbare Großspeichertechnologie. Oft vergessen werden die thermischen Speicher, die mit 25 TWh/a die mit Abstand größte Speicherkapazität aufweisen. EUWID (ab 2022 ContextCrew Neue Energie) hat sich mit dem Geschäftsführer des Bundesverbands Energiespeicher (BVES), Urban Windelen, über die Trends am Markt unterhalten.
Herr Windelen, der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD stellt die Bedeutung von Speichern für die Energiewende in den Fokus. Im Zuge der Integration von immer mehr fluktuierenden erneuerbaren Energien sollen Investitionen in Speichertechnologien gefördert werden. Zudem soll die unterschiedliche Belastung von Speichern geprüft und vereinheitlicht werden. Haben Sie das Gefühl, dass die Bedeutung der Rolle von Energiespeichern in der Politik endlich richtig eingeschätzt wird?
Eine Reihe von Speichertechnologien sind reif für den Einsatz und den Markt. Leider sind die Rahmenbedingungen in Deutschland für den breiten Einsatz von Energiespeichern noch immer unpassend. Dieses Mantra trägt der BVES nun seit Jahren unermüdlich in die Politik. Nun wird die Botschaft auch endlich zunehmend gehört. Der Koalitionsvertrag enthält einige wirklich gute Punkte für Speicher. Wir konnten nicht alle wesentlichen Themen unterbringen, doch zeigt das Ergebnis, dass die Politik Energiespeicher endlich als Schlüsseltechnologie anerkennt. Darauf lässt sich aufbauen.
Was wären denn die drei ersten Schritte, die eine neue Bundesregierung gehen sollte, um den Ankündigungen im Koalitionsvertrag Leben zu verleihen?
Die grundsätzlich positiven Punkte im Koalitionsvertrag beschränken sich letztlich auch wieder nur auf das Herumdoktern an Symptomen. Wesentlich wären grundlegendere Weichenstellungen, die dem gesamten Energiesystem und auch allen Speichertechnologien und -betriebsweisen zu Gute kämen. Damit meine ich die Verankerung von Speichern als eine eigenständige vierte Säule des Energiesystems neben Erzeugung, Transport und Verbrauch. Speicher sind weder das eine noch das andere und auf alle Fälle kein Letztverbraucher.
Jede Einordnung in die tradierten Säulen Erzeugung, Transport und Verbrauch beschränkt die Einsatzmöglichkeiten eines Speichers. Breit und vor allem systemisch nutzbar mache ich Speicher dann, wenn ich sie eigen-ständig einordne und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten damit zulasse. Momentan wird noch versucht, Speicher in Schubladen zu quetschen, die nicht passen und auf einem Energiesystem beruhen, das es heute nicht mehr gibt.
Hierzu sagt der Koalitionsvertrag leider noch nicht viel. Die Aufgaben gehen uns also nicht aus und die Überzeugungsarbeit geht weiter.
Drei erste Schritte konkret aus den Sätzen im Koalitionsvertrag sind für uns die Anpassung des §61k EEG, die Überarbeitung des §118VI EnWG und die Novellierung der Regelungen zum Mieterstrom.
► Im §61kEEG sind die überzeichneten und praxis-feindlichen Beschränkungen aufzulösen, um gemischte Speicherbetriebsmodelle tatsächlich in den Markt zu bekommen. Wir arbeiten da in unseren Fachgruppen an konkreten Lösungsvorschlägen.
► Der §118VI EnWG regelt die teilweise Netzentgeltbefreiung von Speichern. Jedoch missverständlich und auslegungsbedürftig. Klarstellungen sind dringend geboten.
► Und drittens beim Mieterstrom. Der Speicher wird zwar im Gesetz genannt, ist jedoch im Mieterstrommodell aktuell nicht wirklich breit einsatzfähig und nutzbar. Schon leichte Rechtsänderungen könnten hier rasch große Potenziale erschließen und die Energiewende effizient in die Stadt bringen.
Die GroKo geht auch speziell auf die gewünschte Bereitstellung mehrerer Dienstleistungen – wie etwa Regelleistung und Mieterstrom – durch denselben Speicher ein. Damit wäre der Weg offen zur Entwicklung ganz neuer Dienstleistungspakete. Wo sehen Sie hier die größten Potenziale für marktfähige Lösungen und wie könnte der BVES die Entwicklung entsprechender Dienstleistungsangebote unterstützen?
Der BVES hat lange für gemischte Betriebsmodelle gekämpft. Die dann gefundene Regelung in §61k EEG ist jedoch noch von viel Misstrauen und Überregulierung geprägt. Hier brauchen wir dringend eine Anpassung, denn der Multi-Use von Speichern ist der richtige Weg, sie effizient UND effektiv einzusetzen. Speicher sind gerade kein „One-trick Pony“ wie eine Stromleitung. Das Bild des Speichers als multifunktionales Schweizer Messers passt da viel besser. Speicher können also mehr und das zeitlich nahezu im gleichen Moment.
► Etwa Schwarmspeicher, die neben der Eigenversorgung im einzelnen Haus digital zum virtuellen Großspeicher zusammengeschlossen, zusätzlich netzdienliche Systemleistungen bereitstellen.
► Etwa Mieterstromprojekte mit Speichern oder auch Quartierspeicher, die Überkapazitäten effizient nutzen und dem Energiesystem vielfältig wieder zur Verfügung stellen.
► Industriespeicher, die neben Eigenversorgung auch zur Spitzenlastkappung und Notstromversorgung und neuerdings zusätzlich zur Schnellladung von E-Autos genutzt werden können.
Ständig ergeben sich innovative Einsatzmöglichkeiten und neue Dienstleistungsangebote mit Speichern. Letztlich wird jedes Energiesystem, ob klein, ob groß, ob „on-grid“ oder „off-grid“, ob analog oder digital, durch die Verbindung mit einer Speichertechnologie stabiler, effizienter, nachhaltiger und smarter. Um das zu befördern ist es Kernaufgabe für den BVES, neben der großen politischen (Überzeugungs-)Arbeit, in all die vielfältigen Standards und Normen, Anschlussbedingungen und technischen Regelungen Energiespeichertechnologien und ihre besonderen Fähigkeiten jeweils passend zu verankern. Das bindet aktuell viele Kräfte, ist jedoch wesentlich für breiten Marktzugang der vielfältigen Speichertechnologien sowie Betriebsmodelle.
Die Bandbreite der Energiespeichertechnologien ist riesig und umfasst anlagentechnisch vom kleinen Solarheimspeicher bis zum Pumpspeicherwerk völlig unterschiedliche Konzepte und Größenordnungen. Wie schaffen Sie es, die sehr heterogene Branche mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen so zu vertreten, dass Sie allen halbwegs gerecht werden?
Ich hoffe nicht nur halbwegs. Der BVES ist der einzige Verband, der sich der eigenständigen Energiespeicherbranche komplett annimmt und die systemischen Möglichkeiten technologie- und sektorenübergreifend gebündelt vertritt und weiterentwickelt. Vor wenigen Jahren hat man über Energiespeicher noch gelächelt und es war ein Nischenthema. Daraus ist eine veritable Industrie geworden und ein dynamisch wachsender Verband BVES. Mittlerweile haben viele die Bedeutung des smarten Themas erkannt, doch die Kompetenz für komplexe Energiespeichersysteme bündelt sich beim BVES.
Wir haben mittlerweile etwa 200 Unternehmen als Mitglieder. Sie alle eint ein gemeinsames Grundverständnis von Energiespeichern und deren Einsatz. Wir starten bei der Anwendung, nicht der Technologie. Wir sind also nicht Batterieverband oder nur für Pumpspeicher oder thermische Speicher aktiv. Wir arbeiten daran, dass die spezifischen Anwendungen von Speichern, die insbesondere in Folge der Energiewende immer notwendiger werden, systemisch unterkommen.
Bei der Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten von Speichern findet dann auch jede Einzeltechnologie ihren jeweiligen Markt. Zudem geht es immer mehr darum, nicht in der Einzeltechnologie zu verharren, sondern durch die Kombination von Technologien und Anwendungen die Effizienz zu steigern. Das ist herausfordernd, gerade in Leistungselektronik sowie Steuerungs-, Mess- und Zähltechnik – jedoch eine der Kernkompetenzen der deutschen Industrie.
Die Interessen unserer Mitglieder sind also letztlich nicht so heterogen, wie sie zunächst wirken. Die Chancen national und international sind tatsächlich riesig und gemeinsam einen neuen Markt und eine neue Säule des Energiesystems aufzubauen, ist eine spannende Aufgabe.
Im Zuge der Sektorkopplung wird viel über die konkrete Ausgestaltung gestritten. In jedem Fall sind Energiespeicher erforderlich. Im Falle einer „All-electric“-Welt kommen aber tendenziell mehr Batteriespeicher zum Einsatz, setzt man auf die Erdgasinfrastruktur, dann geht die Entwicklung stärker in Richtung Power-to-Gas. Wie positioniert sich der BVES in der Frage nach der Ausgestaltung der Sektorkopplung?
Es gibt hier unserer Auffassung nach kein entweder/oder. Nicht Batterien sind die Lösung oder Pumpspeicher oder Power-to-Gas. Wir brauchen alle Technologien und alle Ansätze um unser Energiesystem zukünftig zu dekarbonisieren und gleichzeitig effizient und sicher zu gestalten. Im BVES arbeiten Experten für verschiedene Speichertechnologien schon seit Langem vernetzt an systemintegrierten Anwendungsmöglichkeiten – also Ansätzen zur Sektorenkopplung.
Mit der Sektorenkopplung öffnet sich die Möglichkeit, erneuerbare Energie in andere Energiebereiche zu bringen und so die Energiewende voran zu treiben. Über Speichertechnologien lässt sich dann die Sektorenkopplung auch flexibilisieren und zeitlich entzerren. Für eine höhere Integration von erneuerbaren Energien in unseren Energiemix sorgt insbesondere die Übertragung von erneuerbarem Strom in den Wärme- oder Mobilitätssektor. Daher spielt die Sektorenkopplung mittels Speicher für die Energiewendeziele eine herausragende Rolle. Die systemische Integration von Speichern über Sektorenkopplung ist ein Kernelement zur effizienten Erreichung von Energie- und Klimazielen.
Ungeachtet der konkreten Pfade zur Sektorkopplung befindet sich die Elektromobilität spürbar auf dem Vormarsch. Damit wächst absehbar der Speicherpool, den Fahrzeugbatterien zur Verfügung stellen. Bislang werden die Potenziale der bidirektionalen Nutzung der Speicher über Vehicle-to-Grid-Konzepte noch kaum genutzt. Wo sehen Sie hier die größten Hemmnisse und welchen Beitrag könnte die Elektromobilität perspektivisch zur Netzstabilität beitragen?
Mobilität ist ein wesentlicher Bereich für die Sektorenkopplung. Und nicht nur über Batterien, sondern auch über grünen Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe, also Power-to-Fuels. Die systemische Einordnung ist natürlich das Ziel, doch in einem ersten Schritt sollen die Menschen nun erstmal E-Mobilität annehmen und erfahren, dass es funktioniert und überzeugend ist. Ob und wie die Speicherkapazitäten in den E-Autos auch systemisch nutzbar gemacht werden, ist dann ein weiterer Schritt. Auch deshalb ein zweiter Schritt, da das Brett, um das regulatorisch einzuordnen tatsächlich sehr dick und hart ist. Wo kommt der Strom in der Autobatterie her, ist er erneuerbar- oder kohleerzeugt? Ist er im Inland oder im Ausland geladen? Was wurde durch Rekuperation tatsächlich noch im Auto erzeugt?
Aus diesen wenigen Fragen ergeben sich bereits ungeheuer viele regulatorische Themen zu Steuern, Abgaben, Umlagen sowie elektrotechnischen Spezialkapiteln. Momentan endet unserer Ansicht nach die Sektorenkopplung Mobilität noch an der Ladesäule oder etwa der Wassertofftankstelle. An der Ladesäule entscheidet sich der Erfolg. Hier muss erneuerbarer Strom in ausreichender Leistung zur Verfügung stehen. Lösungsansatz sind zunehmend wieder Speichertechnologien. Über Pufferbatterien kann man auch E-Autos mit enormer Leistung und damit in kürzester Zeit laden, ohne mehrmals und teuer das Netz zu ertüchtigen. Wenn in unter zehn Minuten das Auto geladen ist, ist eine alltagstaugliche Mobilität gegeben. Gerade hier entsteht aktuell ein großer neuer Geschäftsbereich, in den sehr verschiedene und auch neue mobilitätsferne Akteure drängen. Perspektivisch werden dann sicherlich auch die mobilen Speicherkapazitäten intelligent genutzt werden können. Interessante Modellprojekte und intelligente technische Lösungsansätze gibt es einige, rechtlich und regulatorisch ist es jedoch wohl noch ein mühsamer Weg.
Vielen Dank für das Gespräch!