Nach einer neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung müssen die gegenwärtigen jährlichen Investitionen in die Übertragungs- und Verteilnetze mehr als verdoppelt werden. „Unsere Schätzungen ergeben bis 2045 einen Bedarf von 328 Mrd. Euro für die Übertragungsnetze und 323 Mrd. Euro auf der Verteilnetzebene, sodass sich ein Gesamtbedarf von 651 Mrd. Euro bis 2045 ergibt“, heißt es in der Studie. Die Bedarfsschätzungen bedeuteten, dass in den kommenden Jahren das jährliche Investitionsvolumen im Bereich der Übertragungs- und Verteilnetze von rund 15 Mrd. Euro im Jahr 2023 auf jährlich rund 34 Mrd. Euro anwachsen müsse – ein Zuwachs um 127 Prozent.
Dies sei ein erheblicher Anstieg der Investitionstätigkeit im Stromnetzbereich, „der jedoch notwendig ist, wenn die Energiewende erfolgreich umgesetzt werden soll“. Die Schätzungen unterlägen gewissen Unsicherheiten, wie zum Beispiel mögliche Veränderungen der Rohstoffpreise oder anderer Faktoren, die den Ausbau hemmen können. Auf Seite der Verteilnetzbetreiber sind die Unsicherheiten bezüglich der Schätzungen etwas höher.
Die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE), Simone Peter, kommentierte, dass die Ergebnisse der Studie „nachdenklich“ stimmten. „Furcht vor den Kosten darf nun nicht dazu führen, dass der langsam in Gang gekommene Netzausbau oder gar der Ausbau der Erneuerbaren wieder verzögert werden.“ Werde hier das Tempo nicht weiter beschleunigt, schiebe der Netzausbau die Zubauschuld weiter wie eine Bugwelle vor sich her. „Aber es gibt kurzfristig umsetzbare, kostengünstige Sofortmaßnahmen, die dem Netzausbau etwas Luft verschaffen.“
BEE: „Netze können deutlich effizienter genutzt werden“
Durch das Überbauen von bestehenden Netzverknüpfungspunkten mit mehreren Erneuerbare-Energien-Anlagen und Speichern könne die bereits bestehende Netzinfrastruktur deutlich effizienter genutzt werden. Das wäre kurzfristig realisierbar, das Einsparpotenzial liegt in Milliardenhöhe. Der BEE hat in seiner NVP-Studie die Vorteile dieser Maßnahme dargestellt, und die Ampel-Regierung Bereitschaft signalisiert, dies noch in dieser Legislatur umzusetzen. „Die jüngst im Kabinett noch beschlossene EnWG-Novelle hat dies aber unbefriedigend adressiert“, so Peter weiter.
„Die projizierten Kosten des Netzausbaus sind ein Abbild des Status quo. Neben der besseren Nutzung bestehender Netze müssen auch die hoch komplexen und jahrelangen Genehmigungsverfahren – selbst bei der Ertüchtigung in Bestandstrassen – und die daraus resultierenden Kosten in den Blick genommen werden“, so die BEE-Präsidentin. „Hier sind mit der neuen Legislatur neue Regelungen zu treffen, die eine Erneuerung bestehender Netze unter Verzicht auf aufwendige Genehmigungsverfahren möglich machen.“