Die heimische Erzeugung von Wasserstoff soll deutlich ausgeweitet werden. Gleichwohl ist aus heutiger Sicht absehbar, dass die hierzulande erzeugten Mengen an grünem Wasserstoff nicht ausreichen werden, den heimischen Bedarf zu decken. Mithin wird Wasserstoff-Importen in den kommenden Jahren eine entscheidende Bedeutung zukommen.
1. Bedarf und Bedeutung von Wasserstoff-Importen
Der nationale Wasserstoffbedarf übersteigt bei weitem die inländischen Produktionskapazitäten. Während Deutschland laut der fortgeschriebenen Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) bis 2030 nur etwa 28 TWh grünen Wasserstoff produzieren kann, wird in der Fortschreibung der NWS vom Juli 2023 für 2030 von einem Gesamtwasserstoffbedarf von 95 bis 130 TWh ausgegangen.
Bis 2045 könnte dieser Bedarf noch weiter ansteigen, da immer mehr Sektoren wie Industrie, Mobilität und Energie auf Wasserstoff setzen, um Klimaneutralität zu erreichen.
Internationale Wasserstoff-Importe sind daher aus heutiger Sicht unverzichtbar, um die Lücke zwischen Produktion und Verbrauch zu schließen. Besonders Regionen mit optimalen Bedingungen für die Erzeugung von Storm aus erneuerbaren Energien, wie Afrika, Australien, Kanada und der Nahe Osten, könnten wichtige Lieferanten werden. Schätzungen gehen davon aus, dass der globale Handel mit Wasserstoff bis 2050 ein Volumen von 600 Millionen Tonnen erreichen könnte.
Die Bundesregierung geht im Juni 2024 davon aus, dass die Wasserstoffimporte ab 2027 Fahrt aufnehmen. Im Juli 2024 hat sie ihre H2-Importstrategie vorgelegt. Positiv hervorzuheben sei, dass die Bundesregierung beim Import sowohl auf Pipelines als auch auf Schiffstransporte und Hafeninfrastrukturen baut. Das eröffne vielen Partnerländern in der EU, der europäischen Nachbarschaft und dem fernen Ausland die Möglichkeit, Wasserstoff und seine Derivate nach Deutschland zu exportieren, hieß es als Reaktion auf die Strategie von Seiten des BDEW. Kurz nach der Bundesregierung präsentierte auch Nordrhein-Westfalen eine eigene Importstrategie für Wasserstoff.
2. Weltweite Potenziale und Perspektiven
Verschiedene Studien, darunter der Wasserstoff-Kompass von Acatech und Dechema, heben die Potenziale von Exportländern hervor. Länder wie Namibia, Marokko oder Australien verfügen über hohe Kapazitäten für Wind- und Solarenergie und können grünen Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren. Solche Kooperationen könnten nicht nur Deutschlands Energieversorgung sicherstellen, sondern auch zur wirtschaftlichen Entwicklung der Exportländer beitragen.
Einen Potenzialatlas für grünen Wasserstoff in Afrika wurde von der Bundesregierung in Auftrag gegeben. Er dient als Grundlage für zukünftige Partnerschaften. Ein Beispiel für bestehende Initiativen ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Namibia, die 2021 gestartet wurde.
Studien vom Herbst 2024 betonen indes, dass ein Großteil der in Deutschland benötigten Wasserstoff-Importe aus Europa stammen könnte. Zu den großen europäischen Wasserstoffexportnationen werden nach Analysen des Forschungszentrums Jülich Norwegen, Spanien und Italien werden. In den drei Ländern könnten 25 Mrd. € (Italien) bis 28 Mrd. € (Norwegen) jährlich an Erlösen durch Wasserstoffexporte generiert werden.
3. Herausforderungen beim Wasserstoff-Import
Infrastruktur
Für den Wasserstoff-Import ist eine umfangreiche Infrastruktur erforderlich. Während Länder wie die Niederlande (Rotterdam) und Belgien (Antwerpen) bereits an Importterminals und Pipelines arbeiten, sind in Deutschland entsprechende Projekte erst in der Planungsphase. Hamburg plant beispielsweise, bis 2030 ein 45 Kilometer langes Wasserstoffnetz zu schaffen.
Auch Technologien zur Umwandlung und Speicherung von Wasserstoff spielen eine zentrale Rolle. Ammoniak (NH₃), verflüssigter Wasserstoff (LH₂) und flüssige organische Wasserstoffträger (LOHC) gelten als Schlüsseltechnologien, die signifikante Kostensenkungen ermöglichen könnten.
Die Unternehmensberatung Roland Berger kommt in einer Studie vom November 2021 zu dem Schluss, dass neue und effiziente Transportlösungen der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff sind. Es gebe nicht den einen überlegenen Wasserstoffträger, vielmehr müsse je nach Anwendungsfall entschieden werden. Klar sei jedoch, dass auch Wasserstoff-Derivate signifikante Kostenreduktionen erfahren werden.
Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit
Nicht alle potenziellen Exportländer können die benötigten Mengen rechtzeitig bereitstellen. Zweifel bestehen, ob der Hochlauf der Wasserstoffproduktion in Ländern wie Namibia oder Australien mit der steigenden Nachfrage Schritt halten kann. Gleichzeitig müssen ökologische und soziale Standards in den Herkunftsländern eingehalten werden, um die Nachhaltigkeit der Importe zu gewährleisten. Grundsätzlich gibt es in den Herkunftsstaaten auch einen nationalen und regionalen Bedarf, der gedeckt werden muss.
Es gibt mithin wachsende Zweifel, ob potenzielle Wasserstofflieferanten bis 2030 überhaupt in der Lage sein werden, die benötigten Mengen bereitzustellen. Auch Aurora Energy Research nennt die Importpläne „ehrgeizig“. In jedem Fall ist es wichtig, dass die Wasserstoff-Importe zentrale Kriterien erfüllen, denn neben der Nachhaltigkeit sind auch etwa Fragen der sozialen Verantwortung in den Herkunftsländern zu beachten. Nicht zu vergessen sind die Transportkosten für H2-Lieferungen.
Schiffstransport versus Pipeline-basierte Importe
Je nachdem, aus welchen Ländern der grüne Wasserstoff oder seine Derivate importiert werden, sind Pipeline- oder Schiffstransporte die Mittel der Wahl. Pipelines bieten Vorteile für den großvolumigen, kontinuierlichen Transport, insbesondere bei relativ kurzen bis mittleren Distanzen oder zwischen verbundenen Märkten, wie beispielsweise zwischen Nordafrika und Europa. Der Aufbau solcher Leitungsnetze erfordert jedoch hohe Anfangsinvestitionen und langfristige Planungen.
Im Gegensatz dazu ist der Schiffstransport flexibler und besser geeignet für weite Distanzen, etwa von Australien oder Südamerika nach Europa. Der Transport von Wasserstoff erfolgt in der Regel in Form von Ammoniak, verflüssigtem Wasserstoff (LH2) oder mithilfe von flüssigen organischen Wasserstoffträgern (LOHC), die alle jeweils spezifische infrastrukturelle Anforderungen haben.
Langfristig könnten Pipeline-Infrastrukturen günstiger sein, während der Schiffstransport eine schnellere Anbindung an weit entfernte Produzentenländer ermöglicht und sich besonders für den initialen Aufbau eines globalen Wasserstoffhandels eignet. Eine Kombination beider Ansätze dürfte letztlich entscheidend sein, um den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.
4. Geopolitische Dimensionen
Die strategische Bedeutung von Wasserstoffimporten ist unbestritten, da Deutschland langfristig nicht autark in der Wasserstoffproduktion sein kann. Dies birgt jedoch geopolitische Risiken. Der Aufbau von Wasserstoff-Partnerschaften erfordert ein sensibles Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Effizienz und geopolitischer Stabilität. Länder wie Australien, Namibia, Chile oder die Golfstaaten bieten aufgrund ihrer günstigen natürlichen Bedingungen und politischen Stabilität Potenzial für Kooperationen. Gleichzeitig gibt es Herausforderungen: Beim Wasserstoff-Import könnten Abhängigkeiten von einzelnen Lieferländern entstehen, vergleichbar mit der bisherigen Abhängigkeit von russischem Gas.
Um dies zu vermeiden, müssen langfristige Handelsabkommen diversifiziert und durch multilaterale Strukturen wie die EU koordiniert werden. Deutschland muss zudem sicherstellen, dass Importländer menschenrechtliche Standards sowie Umwelt- und Sozialverträglichkeit einhalten. Eine Schlüsselrolle spielen hier auch internationale Organisationen und Mechanismen wie die Mission Innovation Hydrogen Valley Partnership, die den Aufbau eines globalen Wasserstoffmarkts unterstützen.
5. Ausblick auf 2030 und 2045
Bis 2030 sollen wesentliche Elemente der Importinfrastruktur wie Importterminals in den deutschen Nordseehäfen und grenzüberschreitende Pipelines, etwa mit den Niederlanden, fertiggestellt werden. Projekte wie der Wasserstoff-Hub Rotterdam-Antwerpen sind für eine stabile Versorgung unabdingbar. Parallel dazu sollen erste Lieferverträge mit Exportländern geschlossen werden, um den steigenden Bedarf von bis zu 90–110 TWh zu decken.
Technologische Entwicklungen, wie Fortschritte bei Wasserstoffträgern (z. B. flüssige organische Wasserstoffträger oder Ammoniak), werden entscheidend sein, um die Transportkosten beim Wasserstoff-Import zu reduzieren und eine effiziente Logistik zu gewährleisten. Der geplante Hochlauf grüner Energieanlagen in Deutschland wird die heimische Produktion ergänzen.
Bis 2045 könnte Deutschland, unterstützt durch eine kombinierte Strategie aus nationaler Produktion, Wasserstoff-Importen und Speichermöglichkeiten, eine nahezu vollständige Wasserstoffversorgung sicherstellen. Die Vision ist, Wasserstoff als zentrales Element der klimaneutralen Industrie zu etablieren, wobei internationale Zusammenarbeit und technologische Innovation die Treiber sind. Langfristig könnte Deutschland nicht nur Importeur, sondern auch Technologieexporteur für Wasserstoff werden, was geopolitische Abhängigkeiten weiter minimieren würde.