Der Netzanschluss hat sich zum großen Nadelöhr der Energiewende entwickelt. Sowohl für Anlagenbetreiber im Bereich der erneuerbaren Energien als auch für Flexibilitätsanbieter mit großen Batterieparks wird es immer schwieriger, sich einen Zugang zum Netz in einem überschaubaren Zeitrahmen zu sichern. Nun appelliert ein breites Bündnis aus Verbänden an Politik und Netzbetreiber, den Zugang zu leistungsfähigen Stromnetzen deutlich zu verbessern.
Dass das Thema in der Energiewirtschaft einen zentralen Stellenwert einnimmt, zeigt bereits die Zusammensetzung der beteiligten Verbände: Neben BEE, BSW und BWE als Vertreter der Erneuerbaren sind der BVES für die Speicherbranche und der bne für die Unternehmen der neuen Energiewirtschaft mit im Boot. Auch die Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV, die Deneff, der Verband „Die Familienunternehmer“, HDE, VEA, vzbv sowie ZIA und ZVEI stehen hinter dem Appell.
Den Verbänden geht es um den schnellen und effizienten Ausbau von Netzanschlüssen, um die Elektrifizierung der Industrie, die Digitalisierung und die Energiewende in allen Sektoren voranzutreiben. „Jeder nicht realisierte Netzanschluss ist ein verlorener Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands“, so die Verbände. Private Haushalte, Unternehmen, kommunale Einrichtungen und Rechenzentren seien auf stabile Stromnetze angewiesen. Auch Erneuerbare-Energien-Anlagen und Speicher benötigten verlässliche Anschlüsse, um Strom einspeisen und entnehmen zu können.
Jeder Anschluss, der nicht realisiert wird, behindert Investitionen
„Das Stromnetz ist das Rückgrat der Energiewende. Nur wenn die Infrastruktur leistungsfähig, digital und zukunftsfest ist, kann die Transformation gelingen“, sagt ZVEI-Geschäftsführerin Sarah Bäumchen. „Wir haben deshalb kein ‚Henne-Ei-Problem‘ – die Infrastruktur muss vorlegen.“ Der Ausbau und die Digitalisierung der Netze seien die Grundlage, um eine effiziente, flexible Stromversorgung und verlässliche Netzanschlüsse zu gewährleisten. „Jeder Anschluss, der nicht realisiert wird, behindert Investitionen in Wettbewerbsfähigkeit, bremst den Fortschritt der Energiewende und gefährdet die Akzeptanz in der Bevölkerung.“
Die Verbände fordern den Ausbau von Netzanschlusskapazitäten, transparente und digitale Prozesse für Anschlussanfragen sowie ein Reservierungsverfahren mit verbindlichen Fristen für die Erbringung von Meilensteinen. „Die Digitalisierungsoffensive der Netzbetreiber ist längst überfällig. Es braucht endlich echte Netztransparenz – nur so können faire, flexible Netzanschlussverträge entstehen, die Erneuerbare und Speicher schnell ans Netz bringen“, sagt Robert Busch, Geschäftsführer des bne.
„Zügige Netzanschlüsse zentral für effiziente Dekarbonisierung“
Christian Noll, Geschäftsführender Vorstand der Deneff, unterstreicht, dass Energieeffizienz die Netze entlastet und damit System- und Energiekosten senkt. Gleichzeitig seien zügige Netzanschlüsse zentral für die effiziente Dekarbonisierung von Industrie- und Gebäudesektor. „Das muss konsequent zusammengedacht werden.“
Auch die Immobilienwirtschaft sieht dringenden Handlungsbedarf. „Zentral ist aus Sicht der Immobilienwirtschaft, dass die Anschlussnehmer bundesweit einheitliche Formate, inhaltliche Anforderungen und Kommunikationswege vorfinden“, sagt ZIA-Geschäftsführer Joachim Lohse. „Dies ermöglicht Geschwindigkeits- und Kostenvorteile durch die Standardisierung von Routineabläufen.“
VEA: „Die aktuelle Situation lässt unsere Mitglieder verzweifeln.“
Die Politik sei gefordert, klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehörten die Verankerung der Energiewendekompetenz in der Anreizregulierung, die Entbürokratisierung und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren sowie die fristgerechte Bereitstellung von Anschlüssen durch Netzbetreiber.
Auch die Verbände der Energieverbraucher in Industrie und Haushalten fordern Fortschritte beim Thema Netzanschluss. „Unsere Mitglieder aus dem energieintensiven Mittelstand haben die sehr große Herausforderung, ihre Wärmeprozesse zu dekarbonisieren“, erläutert VEA-Geschäftsführer Christian Otto. „Das bedeutet immer auch einen deutlich erhöhten Strombedarf. Ohne einen gesicherten Zugang zu einer notwendigen Erweiterung der Anschlussleistung sind diese Projekte nicht umsetzbar. Die aktuelle Situation lässt unsere Mitglieder verzweifeln. Der Glaube an die Zukunftsfähigkeit des Industriestandortes Deutschland schwindet zunehmend.“
Um die Ergebnisse des Netzanschlussgipfels aus dem letzten Jahr wirksam umzusetzen, wird die aktuelle Bundesregierung aufgefordert, alle relevanten Akteure erneut an einen Tisch zu bringen und die vereinbarten Maßnahmen konsequent voranzutreiben. Die unterzeichnenden Verbände ständen „geschlossen“ hinter diesem Appell. „Alle sind bereit zu investieren, zu bauen und zu transformieren – doch ohne Zugang zu einer modernen Netzinfrastruktur bleiben viele Projekte unrealisiert.“