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Energiewoche 41/2025

Energiewende und dezentrale Flexibilität als unterentwickelte dritte Säule

Eine durch die Unternehmensberatung Roland Berger erarbeitete Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass ein zukunftsfähiges, kosteneffizientes und versorgungssicheres Energiesystem in Deutschland auf drei Säulen beruhen muss: dem weiteren Ausbau großskaliger erneuerbarer Energien, dem Einsatz konventioneller Backup-Kapazitäten und der konsequenten Integration dezentraler Lösungen. Bei einer richtigen Balance und Aussteuerung können nach Einschätzung der Autoren erhebliche volkswirtschaftliche Gewinne erwirtschaftet werden.

Die Analyse, hinter der eine „New Energy Alliance“ unter Beteiligung von Enpal, 1Komma5° und weiterer Größen der neuen Energiewirtschaft steht, ist das Titelthema der Ausgabe 41.2025 von ContextCrew Neue Energie. Die Branche bemüht sich, keine „Entweder-oder“-Debatte um zentrale und dezentrale Lösungen zur Systemoptimierung anzustoßen, sondern die Bedeutung einer Synthese in einem organisch wachsenden Energiesystem herauszustellen. Es komme darauf an, „mit geringstem Aufwand den größten Nutzen“ zu erreichen.

Gerade dezentrale Ansätze können Kosten des Systems senken

Roland Berger kommt zu dem Schluss, dass die dezentrale Flexibilität als dritte Säule bisher nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dabei könnten gerade solche dezentrale Ansätze maßgeblich dazu beitragen, die Gesamtkosten des Energiesystems zu senken. Ihr Potenzial liegt sowohl in direkten Einsparungen für Verbraucherinnen und Verbraucher als auch in der Reduzierung des notwendigen Netzausbaus und in positiven Arbeitsmarkteffekten.

Sieben Maßnahmen für die Energiewende

Die Allianz von mehr als 20 Unternehmen fordert eine „kosteneffiziente und bedarfsgerechte Gestaltung der Energiewende“ und stellt sieben politische und regulatorische Maßnahmen vor:

  1. Ausbautempo der Erneuerbaren hochhalten: Dezentrale Lösungen können die Systemkosten der Energiewende deutlich reduzieren. Deshalb sollte der Ausbau von Wind- und Solarenergie ungebremst fortgesetzt werden. Die Allianz bekräftigt die im EEG verankerten Ausbauziele bis 2030 und sieht darin eine Grundlage für die kosteneffiziente Integration dezentraler Technologien.
  2. Versorgungssicherheit durch echte Marktmechanismen gewährleisten: Flexible Verbraucher, Speicher und steuerbare Erzeuger sollen diskriminierungsfrei am Strommarkt teilnehmen und für ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit fair entlohnt werden. Ein solcher Mechanismus schafft Investitionsanreize für neue flexible Kapazitäten, reduziert die Abhängigkeit von teuren zentralen Kraftwerken und verringert den Bedarf an Energieimporten.
  3. Dynamische Netzentgelte und Redispatch 3.0 einführen: Um die Netzentgeltkosten für Endverbraucher und das Gesamtsystem zu senken, sollten kostenreflexive, dynamische Netzentgelte etabliert werden. Dezentrale Speicher, einschließlich Groß- und Heimspeicher, sowie mobile Speicher müssen dabei in einem funktionierenden Wettbewerbsumfeld („Level Playing Field“) berücksichtigt werden.
  4. Dezentrale Lösungen über Smart Meter und digitale Prozesse in den Markt integrieren: Ein flächendeckender Smart-Meter-Rollout, modernisierte Marktkommunikation und die konsequente Durchsetzung digitaler Prozesse bei Verteilnetzbetreibern sind Voraussetzung, damit dezentrale Systeme intelligent, massentauglich und systemdienlich eingesetzt werden können.
  5. Emissionshandel planmäßig starten: Der EU-Emissionshandel für die Sektoren Wärme und Verkehr (ETS2) soll planmäßig 2027 starten. Ein stabiler Emissionshandel mobilisiert privates Kapital zur Dekarbonisierung, schafft klare Preissignale und unterstützt die kosteneffiziente Umsetzung der Energiewende. Aufweichungen auf europäischer Ebene lehnt die Allianz ab.
  6. Förderungen smarter ausrichten: Förderungen und steuerliche Anreize sollen den Bau, Einsatz und Erhalt dezentraler Lösungen unterstützen. Gleichzeitig sollten marktliche Anreize einen planbaren Subventionsabbau (Phase-out) fördern, der Nachfrage erzeugt und die Staatskasse entlastet. Dazu gehören funktionierende Direktvermarktung von Kleinanlagen sowie ein spürbarerer CO₂-Preis in Wärme und Verkehr.
  7. Klare Ziele für Flexibilität rechtlich verankern: Deutschland muss laut EU-Verträgen bis 2026 seinen nicht-fossilen Flexibilitätsbedarf offiziell quantifizieren und als nationales Ziel verankern. In einer Flexibilitätsagenda sollen weitere Hürden für den Einsatz dezentraler Flexibilität beseitigt werden, darunter der komplexe Rechtsrahmen beim bidirektionalen Laden von Elektrofahrzeugen.

Unter der Ampel-Regierung ist vor allem wieder Schwung in den Ausbau der erneuerbaren Energien gekommen. Eine jetzt von GlobalData vorgelegte Analyse kommt zum Schluss, dass die installierte Erneuerbaren-Leistung bis 2035 auf knapp 510 GW steigen könnte.

Wichtig ist neben Systemfragen beim Erneuerbaren-Ausbau im Stromsektor auch der Blick auf die Entwicklung in den Sektoren Wärme und Verkehr. Zwar kann der Stromsektor über die Sektorkopplung via Wärmepumpen und Elektromobilität auch hier eine zentrale Rolle einnehmen, der Weg dahin ist aber noch sehr weit. Gerne will auch die Biomassebranche ihren Beitrag zu einer kosteneffizienten Wärmewende leisten, entsprechend klar appellierte die Branche auf dem Fachkongress Holzenergie in Würzburg an die Politik. „Ohne Holzenergie wäre die Wärmewende ein Haus ohne Fundament. Wir brauchen Planungssicherheit, weniger Bürokratie und die klare Anerkennung unserer Leistungen“, sagt Marlene Mortler, Vorstandsvorsitzende des Fachverbands Holzenergie.